Diese Aufnahme war erst in anderer Zusammenstellung erschienen, und zwar gemeinsam mit dem Requiem von Gabriel Fauré und dem Requiem für Mignon von Robert Schumann. Alle drei Werke befanden sich auf zwei CD's in der Spiritus-Serie von EMI Classics, die sich zur Aufgabe gemacht hatte, Spitzenaufnahmen eines zeitlosen Repertoires zu erfassen. Inzwischen scheint man bodenständiger geworden zu sein, denn man wählte eine andere Strategie der Vermarktung. So erscheint in einer erneuten Veröffentlichung das Requiem von Verdi zusammen mit dem Requiem von Cherubini in c-Moll (nicht zu verwechseln mit dem weiteren ebenfalls großartigen Requiem für Männerchor und Orchester von Cherubini in d-Moll), ohne dass man von einer erlesenen Sonderserie schwafelt. Gleichwohl ist eine Euphorie verständlich, denn die beiden Aufnahmen von Verdi und Cherubini sind ohne Übertreibung spitzenmäßig. Über die absolute Referenz zu sprechen, erscheint mir müßig und überlasse ich gern anderen.
Zum Requiem von Verdi:
Renata Scotto gehört neben Renata Tebaldi zu den besten Sopranstimmen, die Italien den Musikfreunden nach dem zweiten Weltkrieg geschenkt hat. Sie beherrschte ihr Fach als soprano lyrico spinto mit großer Vielseitigkeit. Darüber hinaus war sie ebenso risikofreudig wie erfolgreich. Auch dank ihrer mitreißenden Ausstrahlung wurde sie für Viele zum Liebling, nicht zuletzt an der Met. Sie singt ihre Partie im Requiem mit klangvoller, leuchtender Stimme und brilliert dabei auch mit packenden Spitzentönen ohne überzeichnende Schärfe. Agnes Baltsa zeigt ihren Mezzo-Sopran von der besten Seite und singt fast ebenso bestechend. Volumen und Klangfarbe sind über alle Maßen ganz ausgezeichnet. Auch der Tenor Veriano Luchetti ist eine erfreuliche Bereicherung. Hinter seiner männlichen Konkurrenz, wie z.B. Jussi Björling oder Luciano Pavarotti, besteht er blendend auch in schwierigen Lagen. Er hat eine durchschlagkräftige Stimme mit metallisch glänzender Klangfarbe. Schwere Stimmen haben nicht selten ihre Probleme beim mezzopiano und pianissimo, aber auch hier steuert Luchetti klug und gekonnt seine Stimme über die Klippen. Dass Evgeny Nesterenko mit seinem volltönenden Bass auf gleichem Niveau die Schar der Solisten abrundet und den Hörer ebenso begeistert, braucht kaum noch hervorgehoben zu werden. Ambrosian Chorus und Philharmonia Orchestra lassen keine Wünsche offen und begeistern in jeder Beziehung. Riccardo Muti beweist nicht nur hier, dass er ein Klangmagier ist und für die optimalen Impulse sorgt. Wem mit Rücksicht auf den religiösen Bezug und den Anlass für die Komposition die Aufnahme zu bombastisch erscheint und wer daher für eine ausgedünnte und beruhigte Fassung plädiert, liegt damit keineswegs richtig, denn die Komposition war für eine Aufführung in der Kirche nicht bestimmt und entspricht in der ganzen Struktur der Operndramaturgie von Verdi im besten Sinn des Wortes. Alles in allem liegt eine geschlossene Bestleistung aller Mitwirkenden vor, die eine etwaige Kritik nur als bloße Nörgelei erscheinen ließe
Zum Requiem c-Moll von Cherubini:
Der in Florenz geborene Cherubini hatte sich 1787 in Paris niedergelassen und in Frankreich einen hervorragenden Ruf erworben, demzufolge er von Louis XVIII im Jahr 1816 beauftragt wurde, zu einer Gedächtnisfeier für den 1793 auf dem Schafott enthaupteten Bourbonenherrscher Louis XVI eine Komposition zu schreiben. Er komponiert das Requiem in c-Moll für vierstimmigen gemischten Chor und Orchester. Obwohl Solisten fehlen, handelt es sich um ein fassettenreiches Werk mit hochdramatischen Spannungselementen. Das Werk hat eine enorme Ausdruckskraft und kam später häufig bei Trauer- und Gedächtnisfeiern zur Aufführung, so auch zur Beerdigung von Ludwig van Beethoven 1827. Beethoven war ein großer Bewunderer von Cherubini. Wie schon beim Requiem von Verdi, begeistern Ambrosian Chorus und Philharmonia Orchester samt Riccardo Muti ohne irgendwelche Abstriche.
Weitere Empfehlungen (Stabführung von Riccardo Muti):
- Das schon genannte REQUIEM für Männerchor und Orchester D-MOLL hatte Cherubini für seine eigene
Beerdigung geschrieben, es ist nicht minder beeindruckend
- Großartig ist auch die MISSA SOLEMNIS in E-DUR von Cherubini mit Chor und Symphonieorchester des
Bayerischen Rundfunks.
- HEILIGE MESSE in G-DUR zur Krönung von Ludwig XVIII mit dem London Philharmonic Chorus und
Orchester.
- KRÖNUNGSMESSE zur Krönung von Karl X. zum König von Frankreich im April 1825 mit entsprechender
Glorifizierung durch Prunk und Herrlichkeit sowie MARCHE RELIGIEUSE mit dem Philharmonia Chorus
und Orchestra.
- QUATTRO PEZZI SACRI von Verdi (Ave Maria, Stabat Mater, Laudi di Vergine und Te Deum) mit Arleen
Augér (Te Deum) und dem Rundfunkchor Stockholm und Stockholmer Kammerchor sowie den Berliner
Philharmonikern stehen (Aufnahme aus dem Jahr 1983) ganz im Geist der genannten sakralen
Kompositionen und sollten in keiner wertvollen Sammlung fehlen.