Emerson war nicht einfach nur geistreich wie so viele andere. Die sieben Repräsentanten der Menschheit handelt er auch nicht aus einer einfach nur persönlichen, wenngleich liebevollen Perspektive ab: Die Liebe, die Güte der Betrachtungen Emersons kommt nämlich nicht wirklich aus seiner Person, sondern sie kommt, so scheint es dem Leser, aus DEM Geist selbst, ist daher eine geradezu objektive, beinahe unfehlbar aus der Wahrheit selbst kommende, Sicht auf sieben große Menschen, die je für sich gewürdigt, geschätzt und gewogen werden. Das Groß-sein wird allen gleichermaßen zugestanden. Dann aber wird präzise differenziert - wer war näher an der wirklichen Wahrheit, wer hat mehr aus ihr, für sie gelebt, oder doch nur für sich selbst? Alle hatten große Talente, jeder seine Tugenden und Verdienste, aber eben doch in unterschiedlichem Maß - also muss auch aufgezeigt werden, wann wer in die Irre ging. Napoleons Selbstsucht ging in die Irre, Swedenborgs "inflationärer" Verstand (würde man heute sagen), ging an der Wahrheit der "kosmischen" Güte vorbei, Goethe war, was er sein wollte, ein vollkommen gebildeter Mensch, Plato schöpfte vom tiefsten Grund - ihn preist Emerson daher beinahe hymnisch.
Kann das also sein, dass ein Amerikaner des 19. Jahrhunderts mit dem objektiven Geist des GEISTES selbst schreibt? Emerson war ein zutiefst spiritueller Mensch, gehörte der Bewegung der Unitarier an, jenen - ursprünglich - Christen, die sich, wenn sie sich für die Wahrheit oder Gott entscheiden müssten, eher auf Seiten der Wahrheit stünden, -- was sie zutiefst tolerant und - zutiefst - liebenswert macht. Auch war er Mitbegründer des Kreises der Transzendentalisten, dem mehr als nur ein literarisches Genie angehörte, stand also hier wiederum gegen den damals schon grassierenden Monomaterialismus.
Ja, also, Emerson schrieb nicht aus irgendwelchen beliebigen Inspirationen, "Einfällen", heraus; er hatte den Kern des Christlichen Glaubens, den Gott, der ausschließlich im Herzen wohnt, und dessen Name "Liebe" ist (jene, die nicht von dieser Welt sein kann) gefunden, weil er ihn gesucht hatte. Als er von seiner Suche zurückehrte und mit den Augen des Geistes sah, nämlich durch den Spiegel eines von Gott bewohnten Herzens, schrieb er Wahres aus der Wahrheit heraus. Danke, Ralph Waldo, dass du uns bis heute in diesen Spiegel schauen lässt.