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5.0 von 5 Sternen
Mayday, 12. August 2002
Rezension bezieht sich auf: Der Report der Magd (Taschenbuch)
Das Buch "Der Report der Magd" von Margaret Atwood erzählt die Geschichte eines totalitären Regimes namens Gilead im US-Staat Maine Ende des 20. Jahrhunderts.
Als Folge des Geburtenrückgangs durch empfängnisverhütende Mittel, Unfälle in Kernkraftwerken und Lagern für biologische und chemische Waffen, sieht sich die Regierung gezwungen, die Gesellschaft neu zu ordnen. Sie überlegt sich einen Zuchtplan, der junge, gesunde und fruchtbare Frauen dazu zwingt, als Gebärmaschinen zu fungieren. Schon vorher gab es künstliche Befruchtung, Fruchtbarkeitskliniken und Leihmütter. Gilead ächtet die ersten beiden Möglichkeiten als irreligiös, legitimiert aber die dritte unter Berufung biblischer Präzedenzfälle. Die austragenden Frauen gelten jedoch als ungeeignet für die Kindererziehung. Deshalb werden die Kinder konfisziert und von kinderlosen Ehepaaren der oberen Schicht adoptiert. Sterile oder unwillige Frauen werden als "Unfrauen" in die Kolonien verschifft, wo sie für die Beseitigung von Giftmüll zuständig sind. Um diese Neuordnung durchsetzen zu können, waren die Regierenden dazu gezwungen, die Frauen zu entmündigen. Ihre Konten wurden eingefroren und es war ihnen verboten, zu arbeiten.
Die Regierung, die "Söhne Jakobs" genannt wird, ist für die Bildung einer Philosophie und Sozialstruktur Gileads zuständig. Sie besteht aus den Kommandanten, die wiederum als einzige verheiratet sein dürfen. Über ihnen stehen nur noch die so genannten Augen, eine Art Staatspolizei, die mit Hilfe ihrer zahlreichen Spione und Wächter jedes Vergehen bemerkt und bestraft. Gerichte oder Anwälte gibt es nicht mehr. Die Heerschar der Engel ist das Heer Gileads, das sich im Krieg mit anderen Ländern befindet, die Gilead missionieren will. Es besteht ausschließlich aus jungen, gesunden Männern, denen es jedoch versagt ist, zu heiraten. Die Ehefrauen haben kaum Pflichten, sie sind eine Art Statussymbol. Ihre einzige Aufgabe besteht darin, den Haushalt zu überwachen und Kinder zu erziehen. Sie haben die Aufsicht über die Marthas und Chauffeure, sowie über die Mägde. Marthas sind Dienstmädchen. Sie kochen, waschen und bügeln. Einkaufen dürfen sie jedoch nicht, das ist den Mägden vorbehalten. Diese dürfen jedoch niemals alleine ausgehen, sondern nur in Begleitung einer anderen Magd. Dies ist für sie die einzige Möglichkeit, einmal aus dem Haus heraus zu kommen. Das Einkaufen ist aber nur eine Nebenaufgabe. Eigentlich sollen sie mit den Kommandanten Kinder zeugen. Bei diesen rituellen Befruchtungsakten ist die Ehefrau jedoch immer zugegen. Polygamie oder Mätressen gibt es aber nicht. Mägde werden lediglich als Gefäße angesehen, in denen die Kinder bis zur Geburt heranwachsen. Um jegliche Attraktivität zu unterbinden, tragen sie rote, weite Gewänder und weiße scheuklappenähnliche Hauben. Ihnen ist jegliche Privatsphäre, jeder persönliche Besitz untersagt. Lesen, Schreiben, Musik oder Genussmittel, wie Zigaretten oder Alkohol, sind verboten. Monatlich werden sie auf Unfruchtbarkeit und Krankheiten untersucht, damit sie keine "Unbabys", also Missgeburten gebären.
Die weibliche Kontrollinstitution der Mägde bilden die Tanten, welche sie auch in traditionellen Werten erziehen. Sie sind kinderlose, unfruchtbare, ältere, ledige Frauen, deren Schicksal sonst die Kolonien wären.
Das "Erretten" bedeutet das öffentliche Hängen und zur Schau stellen von Verbrechern unterschiedlichster Art. Auch von drakonischen Strafen wie zum Beispiel dem Handabhacken bei einer Lesbierin wird Gebrauch gemacht. So ist es nicht weiter verwunderlich, dass es mehrere rebellische Zusammenschlüsse gibt, wie die Rettungsorganisation der Untergrund-Frauenstraße oder paramilitärische Gruppen wie der Mayday- Untergrund. "Der Report der Magd" ist die brilliante Geschichte einer Magd namens Desfred in Gilead, die, jeglicher Intimität und Würde beraubt, von den Geschehnissen um sie herum, aber auch von ihren Bedürfnissen berichtet.
Der Roman ist absolut mitreißend. Düstere Szenen werden von den fröhlichen Bildern ihrer Erinnerung abgelöst. Desfreds Geschichte ist der Hilferuf einer Frau, der jeder Umgang, ganz gleich ob Gespräche oder Berührungen mit anderen Menschen, untersagt ist. Ihre Lage ist so plastisch und eindringlich beschrieben, dass es dem Leser leicht fällt, sich in die Personen hinein zu versetzen. Ein schockierendes, aber um so mehr lesenswertes Buch, das Wege und Mittel aufzeigt, die Zwänge einer totalitären Gesellschaft zu umgehen. Margaret Atwood hat eine einzigartige Utopie geschaffen, die ihresgleichen sucht.
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14 von 15 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Düstere Zukunftsvision, 19. Juli 1999
Von Ein Kunde
Rezension bezieht sich auf: Der Report der Magd (Taschenbuch)
„In der Wüste gibt es kein Schild, das besagt: Du sollst keine Steine essen." Dieses Sufi-Sprichwort ist eines von drei Zitaten mit denen Margaret Atwood den Leser noch vor Beginn des eigentlichen Buches konfrontiert und das mich seit ich das Buch gelesen habe mein Leben lang begleitet hat. Es geht dabei nicht nur um religiösen Fanatismus, der auch in unseren Tagen am Ende des 20. Jahrhunderts noch überall auf der Erde anzutreffen ist, sondern auch um das Verhältnis zwischen Mann und Frau, um das weibliche Bewußtsein an sich und die menschliche Seele. Was kann ein Mensch ertragen und wie sehr verändert er sich in einem Dasein, daß so fern jeglicher Hoffnung ist? Atwoods einzigartiger Stil, ihre faszinierende melancholische und dabei so ehrlich beobachtende Erzählweise machen die große Anziehung des Buches aus.
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17 von 19 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Unnatürlich fremd, aber verblüffend glaubhaft, 23. August 2002
Rezension bezieht sich auf: Der Report der Magd (Taschenbuch)
Den "Report der Magd" von Margaret Atwood habe ich im Rahmen des Deutschunterrichtes in der Oberstufe gelesen und war gleich merkwürdig fasziniert und abgestoßen zugleich von diesem fiktiven Zeitdokument.
Desfred, die als Gebärmaschine im Haus eines Kommandanten- eines Mitgliedes der Führungsschicht augenscheinlich- lebt, beschreibt rückblickend aus ihrem persönlichen Alltag heraus einen Staat, in dem eine strenge Diktatur die Menschen zweckmäßig einteilt, permanent kontrolliert und mit drastischen Methoden über die Systemkonformität wacht.
Dabei stellt die Ich-Erzählerin das Dasein in diesem Staat Gilead, der im übrigen konkret als Produkt einer Art Revolution in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts präsentiert wird und sich so auch als Konsequenz aus realen Anfängen entlarvt, als düsteres, anonymes und isoliertes Vorsichhindämmern dar. Nicht ein Protagonist, auch Desfred nicht, wird idealisiert oder zum Helden der Geschichte proklamiert. Die jetzige Magd war früher Studentin, kein besonders guter oder besonders böser Mensch- aber jetzt scheint sie fast als seelisches Wrack, zumindest gleichgültig.
Es ist schwierig, das Buch zu bewerten oder zu analysieren, ohne zu viel vom Inhalt preiszugeben, deshalb sei nur noch ein Kunstgriff der Autorin erwähnt, der die Intensität der Geschichte und den faden Nachgeschmack noch bitterer erscheinen lässt: Das letzte Kapitel beinhaltet die Darstellung einer Gelehrtenkonferenz, die ca. 200 Jahre nach dem Ende des Staates Gilead stattfindet. Es ergibt sich eine distanzierte Rückbetrachtung der Mechanismen und Inhalte dieses Systems, die seriös wirkt, aber konsequent am Kern dessen, was Desfred als persönliches Schicksal durchlitten hat, vorbeisieht- so, als würden in 150 Jahren die Forscher das Dritte Reich als spleenige, singuläre Episode der Historie verharmlosen. Hier scheint die Autorin den moralischen Zeigefinger ein letztes Mal zu heben und die Wichtigkeit der ständigen Bewusstmachung und Nichtverfälschung der Vergangenheit anzumahnen.
Was dieses Buch an sprachlicher Leichtigkeit und Virtuosität vermissen lässt, das wiegt die Eindringlichkeit des Inhalts, die sich gerade durch die unmittelbare Unaufdringlichkeit auszeichnet, allemal auf.
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