Es scheint mir unter den Rezensenten eine Tendenz vorzuherrschen, dieses Buch fast allein aufgrund seines Themas zu bejubeln. Doch das greift mir persönlich zu kurz. Sicher, es ist interessant und auch wichtig, sich zu fragen, wie sich die digitale Vernetzung der Menschheit weiterentwickeln könnte und sollte. Mutig war der Autor Benjamin Stein also auf jeden Fall, und auch in sprachlicher Hinsicht recht treffsicher. Dennoch - als Buch "an sich" ist es für mich nicht wirklich ausgereift. Ob es am Autor oder am Lektorat gelegen hat, kann ich nicht beurteilen, aber mir kommt es so vor, als sei die Geschichte auf halbem Weg ihrer Entwicklung, irgendwo zwischen Novelle und Roman, einfach "in den Druck geschickt worden" - obwohl sie noch gar nicht "ausgewachsen" war.
Denn ein Roman ist es eigentlich nicht. Es gibt vier Erzählabschnitte, und jeder davon beginnt eigentlich in der Gegenwart, mit dem Aufwachen des Programmierers und Entwicklers Ed Rosen. Doch schon nach drei bis vier Sätzen verliert sich der Ich-Erzähler in Erinnerungen, kommt vom berühmten Hölzchen aufs Stöckchen, beschreibt in immer neu angestoßenen Schnipseln seinen Werdegang - und auch den Werdegang des von ihm erfundenen Produktes, des UniCom. Wie es scheint, findet er nur mit größter Mühe gegen Ende des Buches in die Gegenwart zurück, in den eigentlichen Erzählmoment. Und das Ende kam dann für mich relativ "schwebend" und sinnfrei rüber - das Buch endet irgendwie nicht wirklich, es verliert sich eher. Und genau das hat mich gewurmt. Mag sein, dass genau dieser Eindruck vom Autor beabsichtigt war, um zu zeigen, wie sehr eine Rundum-Vernetzung dem Menschen schaden kann - aber aus erzählerischer Sicht hatte diese Methode in meinen Augen auch Nachteile. Zu vieles blieb für mich offen; ich habe mich wirklich ein wenig geärgert, weil ich z. B. partout nicht verstanden habe, was nun aus der Freundin und der Geliebten geworden ist. Und aus dem Chef!
Aber immerhin verleihe ich dem Buch drei Sterne, und das steht bei mir für eine durchaus solide schriftstellerische Leistung. Bewundert habe ich vor allem die Charakterzeichnung des Autors, und seine Fähigkeit, in einer leicht lesbaren Sprache auf viele Tiefgründigkeiten anzuspielen. Man kann mit dem Erzähler Ed Rosen mitfühlen, wie er langsam aber sicher in seiner eigenen, erfundenen Welt abdriftet. Vor allem die Erotik ist hier ein Hauptgrund, und die entsprechenden Szenen sind mit Geschmack und nicht zu derb ausgeführt worden. Allerdings muss ich doch sagen, dass man sich streckenweise sehr an berühmte Vorbilder erinnert fühlt - Schnitzlers "Traumnovelle", verfilmt als "Eyes Wide Shut" von Stanley Kubrick, steht da sicher an erster Stelle. Aber auch Schwarzeneggers "Total Recall" kam mir in den Sinn.
Könnte ich Wünsche äußern, würde ich den Autor bitten, dass er das Buch für mich umschreibt - als wirklicher Roman, der sich geradlinig entwickelt, mit deutlich mehr Seiten, und vor allem: nicht nur aus der Rückblende geschildert, hätte mich die Geschichte besser erreicht.