Zunächst muss man vorausschicken, dass alle drei Romane der "Orient Trilogie" mit Hercule Poirot ("Rendezvous mit einer Leiche" / "Tod auf dem Nil" / "Mord in Mesopotamien"; letzterer wurde allerdings nicht für die Leinwand adaptiert) extrem schwer zu verfilmen sind ohne beim Zuschauer Langeweile aufkommen zu lassen, da sie im Grundprinzip zwei wichtige Handlungsgerüste teilen:
1. Sie verfügen über extrem eingeschränkte Kulissen: Bei "Tod auf dem Nil" spielt sich alles auf einem Nildampfer ab, und bei "Mord in Mesopotamien" und "Rendezvous mit einer Leiche" ist es jeweils das Basislager einer archäologischen Expedition.
2. Der eng gesteckte Kulissenrahmen setzt gleichzeitig der Anzahl der handelnden Personen ein Limit.
Durch diese beiden Punkte ensteht bei allen drei Romanen eine Kammerspielatmosphäre, die sich zwangsläufig auch auf die Verfilmungen überträgt, wenn man nicht für Auflockerungen sorgt. Während man bei "Death on the Nile" einfach nur die von Agatha Christie selbst in die Romanvorlage eingebauten Landausflüge zu den Nil-Sehenswürdigkeiten übernehmen musste, gestaltete sich die Sache bei "Rendezvous mit einer Leiche" schon schwieriger, da diese Auflockerungen in der Vorlage nur spärlich vorhanden sind.
Doch die Macher des Films haben ihre Sache gut gemacht: Die Vorgeschichte, die zum Mord an Mrs. Boynton führt, wurde für den Film an Schauplätze in den USA, Italien und auf einem Mittelmeerdampfer verlegt, ehe Mrs. Boynton und das restliche Ensemble schließlich am Schauplatz des Verbrechens, einer Ausgrabungsstätte am Roten Meer, eintreffen.
Ist der Mord dann erst einmal geschehen, spielt sich alles wie bei den bisherigen Verfilmungen auch ab, wobei man auch hier gelegentliche Kulissenwechsel eingearbeitet hat: Hercule Poirot führt seine raffinierten Verhöre mal in einer Hotel-Lobby, mal in den Straßen von Jerusalem und mal in einer Höhle, in der gerade Ausgrabungen stattfinden, wo die Verdächtigen jeweils ihre Sicht der Dinge (wie immer mit Rückblenden illustriert) erzählen. Zum Schluss folgt Poirot's Enttarnung des Mörders per Rekonstruktion des Verbrechens vor einem aus sämtlichen Verdächtigen bestehenden Publikum.
Insgesamt handelt es sich bei "Rendezvous mit einer Leiche" um eine solide Verfilmung eines Agatha Christie Romanes, auch wenn man sich einige übertriebene Ausschmückungen hätte sparen können. Ansonsten glänzt der Film durch das bisherige Erfolgsrezept: Ein klassisches, very british erzähltes "Whodunnit", dazu ein erlesenes Ensemble exzellenter Schauspieler: Allen voran der unvergleichliche Peter Ustinov als Hercule Poirot, dazu Lauren Bacall, Sir John Gielgud, Piper Laurie, Carrie Fisher und Hayley Mills, um nur einige zu ernennen. Als Jungschauspieler glänzen Amber Beezer und John Terlesky in ihren Leinwanddebuts.
Trotz aller Begeisterung muss ich auch jenen Rezensenten ein wenig Recht geben, die der Meinung sind, dass die Story nicht so recht zünden will. Dieses Gefühl hatte ich schon 1990, als ich den Film erstmals auf VHS erwarb (in das Kino des Provinznestes, in dem ich aufgewachsen bin, ist er gar nicht erst gekommen). Und erst jetzt, da ich dank der DVD-Technik den Film erstmals im englischen Original erleben durfte, weiß ich, woran es liegt:
Es ist wieder einmal der deutsche Hang zur dilettantischen Synchronisation dran schuld. Holperige Dialoge und Stimmen, die nicht zu den Schauspielern passen, was ganz besonders bei Peter Ustinov auffällt. Warum hat man es nicht wie bei der Verfilmung von "Das Böse unter der Sonne" 1981 gemacht und Peter Ustinov sich selbst deutsch synchronisieren lassen? 1989 waren Agatha Christie-Verfilmungen eh keine Blockbuster mehr, sondern eher ein Fall für die Programmkinos, die mehr den Kenner- als den Massengeschmack bedienen. Darum hätte man sich ruhig mehr Zeit zur Sorgfalt nehmen können. Denn: Im Original nämlich "zündet" die Story durchaus; die Dialoge sind espritvoller, und die Atmosphäre ist insgesamt so, wie man es von Agatha Christie gewohnt ist.
Noch ein weiterer Punkt fällt bei der deutschen Synchronisation auf: Für völlig verschiedene Statisten, die jeweils nur mit einem einzigen Satz in dem Film auftauchen, hat man denselben Sprecher benutzt. Dieser hat jedoch eine so markante Stimme (Info für Kenner: Es ist Peter Thom), dass seine Auftritte schlichtweg auffallen. Dadurch jedoch, dass man von den entsprechenden Darstellern in den jeweiligen Szenen das Gesicht nicht sehen kann und somit keine Unterscheidungsmöglichkeit hat, wird die falsche Fährte gelegt, als wären diese Statisten ein und die selbe Person, die zwingend mit dem Mord an Mrs. Boynton in Verbindung steht. Da diese falsche Fährte nicht aufgelöst wird, bleibt man am Ende der deutschen Synchronsfassung mit dem Gefühl zurück, dass irgendetwas fehlt.
Abschließend lässt sich sagen, dass ich diesem Film trotz kleiner Schönheitsfehler volle 5 Sterne verleihe, und zwar ausschließlich der Originalfassung. Wer nach Möglichkeit auf die deutsche Synchronisation verzichten kann, sollte dies unbedingt tun und das englische Original anschauen.