Vorab: Wer Remixe prinzipiell für eine überflüssige Verunstaltung der Originale hält, wird selbstredend mit dieser Veröffentlichung nicht glücklich, sie heißt nicht ohne Grund "Remixes 81-11"! Und es stimmt einfach nicht, dass hier nur eintönige, langweilige Remixe präsentiert werden. Eine insgesamt zunehmende Tendenz bei Depeche-Mode-Remixen hin zu eher prototypischen und eher uninspirierten Remixen mit starken Chill- und House-Anleihen ist nicht zu bestreiten. Aber beim Hören dieser Box ist festzustellen, dass eigentlich kaum solche Remixe hier überhaupt vertreten sind.
Diese Rezension bezieht sich auf die 3-CD-Box.
Nach der ersten offiziellen Remix-Compilation 2004 nun also sieben Jahre später ein zweiter Anlauf. POSITIV fällt da sofort auf: Im Vergleich gibt es diesmal viel MEHR bislang UNVERÖFFENTLICHTE Remixe: 14 (davon drei Stücke der aktuellen Maxi-Auskopplung "
Personal Jesus 2011") der insgesamt 37 Remixe sind BRANDNEU, 13 Mixe stammen aus den letzten zehn Jahren, die restlichen 10 Stücke sind älter als zehn Jahre. (Zum Vergleich: Bei der 3er-Box zu "Remixes 81-04" waren acht von insgesamt 38 Remixen NEU.)
Dabei konzentriert sich die Box auf die Zeit nach dem ersten Remix-Sampler: Ein sattes Drittel der Originale, die den Remixen zugrunde liegen, stammt aus dieser Phase der letzten beiden Alben, der Rest verteilt sich etwa zu gleichen Teilen auf Stücke bis "Music for The Masses" und danach.
Zu den absoluten Highlights unter den NEUEN Remixen zählt "Tora! Tora! Tora! (Karlsson + Winnberg Remix)": Ein perfekter Remix. (Hierzu wünschte ich mir zusätzlich eine noch tanzbarere Fassung.)
Ein weiterer hinreißender Remix ist trotz Dave Gahans verzerrter Stimme der Richtung 8bit gehende "Puppets (Röyksopp Remix)": Ein Klassiker vorbildlich zu neuem Leben erweckt.
(Übrigens sind diese beiden Stücke auch auf der 1-CD-Version von "Remixes 81-11" enthalten, wie ich finde ein feiner Zug des Labels, diese beiden Ausnahmestücke auch in der "abgespeckten" Version des Remixalbums anzubieten.)
Aber auch die drei neuen "Personal Jesus"-Remixe heben das (geniale) Original durchaus gekonnt in die 2010er (allen voran der "Stargate"-Mix von CD1 dieser Box). Je öfter ich sie höre, desto klarer wird mir, dass es auf ihre Art würdige Nachfolger der allerdings bereits legendären Original-Remixe sind.
Ebenfalls hervorzuheben ist "In Chains (Alan Wilder Remix)": Ein sehr schöner, atmosphärisch-düsterer Remix, Recoil lässt artig grüßen, und Alan Wilder lässt alte Zeiten kurz wieder lebendig werden. Einen so jungen Song zu remixen war sicher eine gute Idee von/für Alan.
Und dann ist da auch noch "A Question of Time (Joebot Remix)": ein unkaputtbarer Klassiker, hier Richtung modernen EBM interpretiert, absolut hörenswert.
Und "Behind the Wheel (Vince Clarke Remix)": Anfangs kaum wiedererkennbares Elektrogefrickel, aber mit dem markanten Gesang des Orignals arbeitet diese Fassung durchaus spannend mit einigen Sounds und den Melodien des Songs.
Und und und - zurecht werden andere Rezensenten noch ganz andere Lieblingsremixe erwähnen - ganz nach Geschmack. Und je nach Stimmung wird sich die Auswahl der eigenen Lieblingsmixe beim Hörer natürlich auch ändern.
Für fast alle Stücke dieses Samplers gilt: sie werden eine ganze Weile lang immer besser, wenn man sie konzentriert und mehrmals hört - ohne vorzuspulen und abzubrechen. Bloßes Reinhuschen in Hörschnippsel bringt hier ehrlich gesagt kaum etwas.
Dabei entdecke ich auch in den alten, lange bekannten Mixen, platziert zwischen den neuen Stücken und nach teils vielen Jahren, in denen ich die alten Versionen nicht mehr gehört hatte, neue Nuancen.
Bei einigen Stücken hilft auch das konzentrierteste Hinhören zugegebenermaßen nicht. Einige schlechte Ausreißer seien ebenfalls kurz erwähnt: "Never let me down again (Eric Prydz Remix)" ist reichlich monoton und kann dem mitreißenden 2006er Remix von Digitalism (auf CD1 der Box) nicht annähernd das Wasser reichen. Auch eher einschläfernd: "Leave In Silence (Claro Intelecto Remix)".
Alles in allem bietet diese Zusammenstellung aber einen sehr guten Überblick. Für meinen Geschmack ist hier eine ziemlich gute Mischung gefunden worden. Einige der etwas älteren Remixe wie etwa von "Happiest Girl" oder "Slowblow" fügen sich erstaunlich zeitlos ins Gesamtbild ein, andere wirken naturgemäß schon ein bisschen altbacken. Dafür wird der eingefleischte Fan mit über einem Dutzend neuer Remixe bedient! Und wer nicht bereits jede einzelne Single und Maxi kennt, für den ist diese Box sogar ein noch volleres Füllhorn neuer Interpretationen. (Der sehr schöne "Sixtoes Remix" von "Peace" war mir zum Beispiel bislang unbekannt, obwohl ich die Peace-Maxi-CD sehr wohl kenne, nicht aber die Single-CD, auf der sich dieser Remix befindet. Ebenso kannte ich den schon zwei Jahre alten, sehr gelungenen "Le Weekend Remix" von "Ghost" bislang nicht.)
Dass die Originale dabei eigentlich nie übertroffen werden, zeugt im Übrigen von der Qualität dieser - und nicht per se davon, dass die Remixe schlecht sind. Dieser Sampler ist schließlich auch ein willkommener Anlass, zeitlose Elemente in vielleicht vor Jahren noch ungeliebten Remixen (neu) zu entdecken. Und die meist hervorragenden Originale wieder zu hören! Diese Remixe verdrängen schließlich nicht die Originale, sondern erweitern das Depeche-Mode-Universum. Ein Bonus, eine willkommene Abwechslung. Ncht mehr und nicht weniger. Natürlich kann man zum Beispiel beklagen, dass heute keine "Extended Versions" mehr produziert werden, wie sie in den 80ern Mode waren. Ich finde das auch sehr schade! Und wirklich, früher gab es fantastische und in der Qualität nie wieder erreichte Remixe. Das ist ein richtig guter Grund, ab und an die alten Scheiben wieder aufzulegen. Das ist nur kein kluger Grund, diese Box deswegen nicht zu mögen oder gar nicht erst zu hören. :-)
Noch eine Kleinigkeit: Die Angabe zum Strangelove-Remix auf der Rückseite der Box ist falsch, der Mix stammt von 1989 (nicht 1998). Aber wen so etwas interessiert, der weiß es vermutlich eh.
PS: Dass es zusätzlich zum Box-Set noch "Sweetest Perfection (Phil Kieran Vocal Mix)" nur als (derzeit Gratis!-)Download gibt, habe ich gerade durch Zufall erfahren:
Sweetest Perfection (Phil Kieran Vocal Mix)