Aus der Amazon.de-Redaktion
Es geht also wieder mal, immer noch, um Deutsches Theater. Darum, wie wir alle uns in Szene setzen, die einen auf der großen Bühne, die anderen auf Nebenschauplätzen. Das ist nicht immer zum Lachen, etwa bei einer Realsatire wie der MDR-Kuppelshow Je t'aime. Auch die Materialsammlungen mit Klosprüchen und Gästebucheinträgen sind Geschmackssache. Einige der besten Texte kommen ohne die üblichen Promi-Verdächtigen aus und entfalten nicht polemisches, sondern poetisches Potential.
"Im Copy-Shop" blockiert einer stundenlang "den besten Farbkopierer am Platze" -- warum? Auf einem Rockfestival fragt sich der "Rockliterat", ob es "richtiges Lesen im falschen Zelt" gibt, und liefert eine hübsche Sozialstudie dieser Versammlungsform. In meinem Lieblingsstück, "Herbst in Berlin", flaniert er durch den sommermüden Tiergarten, "dabei versucht man je nach Charakter, so viele oder so wenig Bucheckern oder Eicheln wie möglich zu zertreten. Am schönsten knacken die Fruchtbecher der Eicheln..."
Einige wird die Materialmasse abschrecken, andere werden sich Schritt für Schritt durchlesen. Und einen Stuckrad-Barre entdecken, der sich weiterentwickelt. Neben anderen Süchten scheint er auch seine zwanghafte Neigung zum Kalauer in den Griff zu bekommen. An seinem 26. Geburtstag beginnt er gar zu dichten: "Am neuen Computer sitzen / Glauben, dass jetzt alles / Besser wird / (anders zumindest) / Und seine Ordnung kriegt". Dann: "Noch kürzer werden / Knapper / Besser". Wohlan! --Patrick Fischer -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Taschenbuch .
literature.de, 30. Juli 2004
Kurzbeschreibung
Autorenportrait
Auszug aus Festwertspeicher der Kontrollgesellschaft, Remix 2 von Benjamin von Stuckrad-Barre, Benjamin von Stuckrad- Barre. Copyright © 2004. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Wären alle Menschen taubstumm - im Sommer wären immer noch genügend Worte in der Luft. Auf den T-Shirts nämlich. Aus unterschiedlichsten Gründen, mit unterschiedlichsten Techniken, in unterschiedlichster Auflage werden Textilien beschriftet. Aufgebügelt, aufgesiebdruckt, eingewebt, aufgemalt wird, was das Zeug hält. Und das Zeug hält natürlich alles, das Zeug hat ja keinen eigenen Willen. Was manchmal schade ist. Aber dann gibt es ja immer noch die Waschmaschine, und die löst das Ganze durch buddhistische Zerrüttungstaktik - und auch die schlimmsten T-Shirt-Beschriftungen sind irgendwann abgeschrappt, bleichgespült, und der Kampf ist gewonnen. Bis dahin geht er weiter. Auch RAF-Logo-T-Shirts verkaufen sich noch immer gut. Ein beschriftetes Shirt funktioniert wie ein Vereinstrikot, wie jede andere Art Uniform: Es weist den Träger aus als Mitglied einer Gruppe, Anhänger einer Idee, Humorsorte, Einkommensklasse. Der Auftritt dieser Person wird charakterisierend konnotiert, die Umwelt wird, ohne dass sie gefragt hätte, informiert. Bei der morgendlichen Kleidungswahl ist sich der Träger dieses Mitteilungsdauerfeuers bewusst, man kann also sicher sein, dass der Träger eines Wort-Shirts uns ohne zu sprechen etwas sagen möchte: wen er verehrt, was er ausgegeben hat für sein Shirt, wo er schon mal war, wie er in irgendjemandes Arm aussieht auf einem aufgebügelten Foto, wie seine Meinung daunddazu ist, bei welchem Konzert er war. Vor einigen Jahren warb MTV mit Schwarz-Weiß-Fotos junger Menschen, auf deren Shirts stand, wofür sich diese Menschen hielten oder wofür MTV sie hielt. Diese Menschen sahen ganz nett aus, die Titulierungen waren charmante Bezichtigungen. Kurz darauf waren diese T-Shirts Mode. Vielleicht auch schon davor, und MTV hat es auf der Straße abgeguckt, das wäre ja nicht schlimm, bloß normal. Wer immer alles zuerst entdeckt haben will, kann sich schon mal eine Schablone ausschneiden und zu siebdrucken beginnen: Angeber, Hosenträger.
Trotzdem ist natürlich die Codierung ein wichtiger Punkt: Auch wenn eine T-Shirt-Beschriftung ja auf Wahrnehmung durch andere abzielt - wenn sie Nachahmung in einer zu hohen Quote erreicht, wird sie für die Erst-, Zweit- und Drittträger untragbar, unerträglich, dann müssen sie sich etwas Neues ausdenken, so läuft es, und dadurch gibt es immer etwas Neues. Vor Jahrzehnten liefen auf Feierlichkeiten bedenklichen Zuschnitts fröhliche Menschen mit POLIZEI-Shirts herum. Mittlerweile kann man die an jedem Autobahnrasthof kaufen, und damit sind sie der Trage-Avantgarde untragbar geworden, sie haben aber auch nicht genug Muskeln, um ohne Shirt rumlaufen zu können, außerdem ist es ja fast immer zu kalt, also lassen sie sich wieder etwas Neues einfallen. Weiter so.
Humor ist auch auf T-Shirts eine ernste Sache. Meistens geht es schief. Erzählbare Witze spazieren zu tragen, lässt zumeist auf einen eher unlustigen Träger schließen, der sich die Witzischkeit beim T-Shirtfabrikanten zu borgen versucht. Manche empfinden es auch als gewiefte autobiographische Volte, T-Shirts zu tragen, die in der Kindheit als uncool galten: mit den Logos von Freizeitparks oder lokalen Turnsportvereinen drauf. Diese T-Shirts werden in Secondhandläden gekauft und riechen wie die Ironie ihrer Träger meist muffig, auch zwicken sie an den Achseln, und mit dein unbezwingbaren Vorbesitzerschweiß mischt sich der eigene. Als solcher Ironieinhaber steht man stolz in irgendeiner Bar der Verzweifelten herum und findet sich super, aber dass man keine netten Leute kennen lernt, liegt unter anderem daran, dass man einfach stinkt. -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Taschenbuch .