Der Rechtswissenschaftler Gerhard Czermak unterzieht in diesem Buch die Entwicklung des Staat-Kirche-Verhältnisses in der Bundesrepublik einer Analyse, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lässt. Das juristische, historische und politische Material, das der ehemalige Verwaltungsrichter auf über 300 Seiten akribisch und auch für Nichtjuristen verständlich und überzeugend ausbreitet, ist potenzieller Sprengstoff - geeignet, das scheinbar unerschütterliche und fest gefügte Fundament des nach 1945 sukzessive und beharrlich aufgebauten Paktes von Staat und Kirche, von Politik und Religion ins Wanken zu bringen.
Allerdings dürfte das explosive Gemisch durch den Umstand teilentschärft werden, dass es sich bei dieser Abhandlung eben um ein juristisches Fachbuch handelt, das es weder auf die Bestsellerlisten der Populärmagazine noch auf die Aktionstische der Großbuchhandlungen schaffen wird. Finden sich doch dort vor allem die Angebote mit den griffigen Titeln wie »Der Gotteswahn« von Richard Dawkins (Großbritannien), »Der Herr ist kein Hirte« von Christopher Hitchens (Großbritannien/USA), »Das Ende des Glaubens« von Sam Harris (USA) oder »Wir brauchen keinen Gott« von Michel Onfray (Frankreich). Bücher, die durchaus das Bewusstsein schärfen für die geistige Auseinandersetzung mit den großen Kirchen und den dominierenden Glaubenssystemen, die aber der Ergänzung bedürfen durch eine kritische Darstellung von Geschichte und Gegenwart der oft schwer zu durchschauenden Verhältnisse in Deutschland.
Bezeichnenderweise finden deutsche Autoren mit ihren durchaus ebenbürtigen Arbeiten zu dieser Thematik in Deutschland entweder nur kleine Verlage oder sie müssen die Herausgabe gar in sogenannten Autorenverlagen selbst finanzieren. Ein Beispiel für den ersten Fall ist das Buch »Gott? Das Ende einer Idee« von Ernst Friedrich Salcher, in dem der Philosoph und Psychologe mit plausiblen natur- und geisteswissenschaftlichen Argumenten die Gottlosigkeit begründet. Für den zweiten Fall steht der Band »Papst-Entzauberung« von Hubertus Mynarek. Der renommierte Religionswissenschaftler zerpflückt darin unter anderem brillant das besonders von Benedikt XVI. bemühte Konstrukt der angeblichen Untrennbarkeit von Vernunft und Glaube.
Dass deutsche Großverlage bei der brisanten Thematik Religionskritik/Atheismus nichtdeutsche Autoren vorziehen, hat zweifellos mit der Furcht vor dem Risiko zu tun, sich durch dezidierte Auseinandersetzungen mit den deutschen Zuständen den Unmut der Kirchen und ihrer politischen Lobby zuzuziehen. Die wachsenden wirtschaftlichen Aktivitäten der Kirchen im Verlagswesen tun ein Übriges, den publizistisch wahrnehmbaren Widerstand gegen die Verfilzung Staat-Kirche in überschaubaren Grenzen zu halten.
Umso mehr ist dem Buch von Gerhard Czermak, der auch Mitglied des Wissenschaftlichen Beirates der Giordano-Bruno-Stiftung ist, eine Verbreitung zu wünschen, die weit über den Kreis juristischer Spezialisten hinausgeht. Denn die darin geschilderten Faktizitäten sollte kennen, wer den Bewahrern und Verteidigern des »staatskirchlichen« Status quo mit fundierter Polemik begegnen will.