Das Titelbild führt charmant und suggestiv ins zentrale Thema des Buches. Eine kultische Situation ist zu sehen. Ein großer Kinosaal breitet sich aus. Es ist ungefähr der Blick, den man hat, wenn man zu spät in einen Film kommt. Hinterköpfe, gut gefüllte Sitzreihen, gebannt nach vorn starrende Menschen. Eine Kirche kann es nicht sein, zu bequem sind die Sitze. Solche Kirchen gibt es, wenn überhaupt, nur in Amerika.
Von rechts oben strahlt das Licht in vier Grundfarben in den Saal. Diese Kolorierung verbunden mit einer leichten Unschärfe schafft eine irgendwie spirituelle Atmosphäre. Und darum geht es im Buch. „Religion im Film" wird hier als „Religion im Kino" verstanden. Einen Film zu sehen, heißt, sich in eine kultische Situation zu begeben. Die Filme im Buch sind auffallend häufig Kultfilme, die durch ihre begeisterte Rezeption ins kollektive Gedächtnis der Film-Gläubigen eingegangen sind.
Und diese Film-Gläubigen sind häufig unter jungen Theologen zu finden. Solche Theologen haben auch die Texte für das Buch verfasst. Und das ist das Besondere dieser Publikation. Die latente Konkurrenz zwischen Kino und Kirche wird ausgetragen und nicht wie sonst im Geheimen vorausgesetzt und für die Religionspädagogik ausgeschlachtet. Kino und Kirche haben einen Totalitätsanspruch, schreibt Inge Kirsner, nur im Bewusstsein dieser Differenz können beide ins Gespräch gebracht werden (13).
In einleitenden Abschnitt „Grundlagen" skizziert sie die strukturellen Ähnlichkeiten der beiden Kultformen. Von der „inneren Ekstasis" ist die Rede, in der Kinobesucher gerät, wenn das Licht ausgeht und eine Reise beginnt. Das Spiel von Mythos und Wirklichkeit, wie es die Religion des Films durchgespielt, wird reich orchestriert vorgeführt.
Überhaupt hat man den Eindruck, der erste religiöse Impulsgeber dieses Buches ist der Film. In einer Reihe von „Analysen" aus der Feder der Mitherausgeberin werden Themen angesprochen, die nur auf den zweiten Blick Kontakt mit dem christlichen Mythos halten. Es geht um Monster, Maschinen, Fremdheit, Opfer und Identität. Hier ist nicht die Agenda der christlichen Spiritualität Stichwortgeber, sondern die großen Themen der aktuellen populären Filme. Und das ist tatsächlich die Herausforderung, die die Theologie anzunehmen hat. Vielleicht identifizieren die protestantische Theologie und ihre Religionspädagogik die falschen Themen als „religiös".
Die Art und Weise, wie Inge Kirsner in einer Reihe von Schnelldurchläufen, die immer wieder listig christliche Topoi ins Gespräch ziehen, durch den religiösen Kosmos der Gegenwart surft, ist ein Beispiel für eine differenzbewusste, aber auch analogieverliebte Tour de Raison durch den religiösen Kosmos der Gegenwart.
Nun besteht das Problem, wie man diesen kultischen Ort „Kino" im schulischen Religionsunterricht repräsentieren kann. Das ist gar nicht so einfach. Denn in den Zeitabschnitten der Religionsstunden auf den Monitoren schulischer Mediotheken, kann man höchstens Inhaltsangaben der Filme zeigen. Ausschnitte von audiovisuellen Welten, die nur im Kinosaal zur inneren Ekstasis führen.
Dieses Problem ist unlösbar, aber die Autoren der „Didaktischen Konkretionen" beziehen sich listig auf solche Filme, von denen sie annehmen können, dass sie im Erfahrungshorizont der Schüler bereits eine „kultische Rezeption" erfahren haben. Die Star Wars - Tetralogie, der Terminator 2, populäre Liebesfilme.
Sehr unterschiedliche Entwürfe von Unterrichtsreihen machen gut die Hälfte des Buches aus. Die Filme werden auf meist auf bekannte theologische Texte bezogen. Der Religionsbegriff von Wilhelm Gräb - „Religion ist die Kultur der Symbolisierung letztinstanzlicher Sinnhorizonte alltagsweltlicher Lebensorientierung" (122) - wird immer wieder - explizit und implizit - als Freifahrtschein für religiöse Thematisierung von Filmen herangezogen.
Problem dieses weiten Religionsbegriffes ist es, dass er zwar zu einer sehr freien Auseinandersetzung mit religiösen Versatzstücken in der Gegenwartskultur motiviert, aber nicht zur Wahrnehmung von Differenzen anleitet. Alles ist plötzlich religiös: kulturelle Formen mit religiöser Funktion, diverse implizite Zitate christlicher Tradition, anthropologischer Grundthemen, die historisch gesehen religiös formuliert wurden usw. Bezeichnend ist der Irrtum der Herausgeber in ihren einleitenden Thesen zur Religionspädagogik. Angesichts der überall zu finden religiösen Zeichen in der Gegenwartskultur, argumentieren sie, könne man nicht von einem sogenannten „Traditionsabbruch" reden (8). Aber gerade das „anonyme" Auftauchen religiöser Motive ist doch das stärkste Indiz für das Abbrechen der Deutungshoheit der christlichen Religion - also ein Traditionsbruch.
Einige der didaktischen Konkretionen, die von den Herausgebern, wo es passte, in eine einheitliche Struktur gebracht wurden (Kurzbeschreibung des Films, Storyboard, Didaktische Einführung, Bausteine) brechen das Filmerlebnis krude auf Grundthemen des Religionsunterrichts herunter. So enden Thomas vom Scheidts Ausführungen zur „Truman Show" in passenden Zeichnungen vorneuzeitlicher Weltbilder und Zitaten zum Thema „Freiheit" aus religionspädagogischen Materialhilfen oder Stefan Wolfs Ausführungen zum „Terminator 2" u.a. in einer Auseinandersetzung mit dem fünften Gebot: „Du sollst nicht töten".
Andere, bessere Beiträge verhalten sich eher asketisch zum Filmerlebnis. Etwa wenn Andreas Mertin einen Film, der für ihn „kein Meisterwerk" (151) ist, gekonnt zur religionspädagogischen Auseinandersetzung um Gut und Böse aufbereitet. Oder wenn Michael Wermke „Schindlers Liste" mit beeindruckendem Hintergrundwissen für eine Unterrichtsreihe über die Darstellbarkeit des Holocaust heranzieht und dabei über die Erschließung narrativer Elemente des Films religiöses Faktenwissen vermittelt.
Wenige Beiträge halten das konzeptuelle Niveau des Bandes. Stephan Vasels Interpretation der Star Wars - Tetralogie ist leidenschaftlich und detailgenau. Und genau deshalb werden seine didaktischen Anregungen zur christlichen Theologie des Segens angesichts des Wunsches „Möge die Macht mit dir sein!" zu einer interessanten Fährte. Hier ist es wirklich eine offene Frage, was die christliche Segenspraxis vom Machtwunsch der Star Wars - Anhänger unterscheidet, während der Vergleich der messianischen Sendung Jesu Christi mit der des Terminators wirklich nur in einer Religionsstunde stattfinden kann.
Anna Becker-Schmidts Anleitungen, mit einer Lerngruppe einen Videofilm zu drehen, schließen den Band ab. Ihre Skizze zu einer Realisation der Geschichte vom leidenden Gottesknecht in einer studentischen Wohngemeinschaft, ist überraschend und wegweisend. Aber es ist auch unmittelbar evident, dass ein so umfassender Prozess, wie sie ihn schildert, nur in der Universitätsausbildung anwendbar ist, wo er auch entwickelt wurde und nicht, wie sie wähnt, auch in der Grundschule oder in der Konfirmandengruppe.
Mir scheint, dass ein Arbeiten mit dem kultischen Erleben von Kinofilmen auf didaktische Formen der Erwachsenenbildung beschränkt bleibt. Im schulischen Alltag kann das Primärerlebnis Film höchstens beschworen werden, und dann senkt es sich als Gewicht auf die Waagschale des Lehrers, dessen didaktische Intention nun einen kultischen Hintergrund hat. Aber auch wenn er audiovisuell ist: Der Film im Unterricht ist ein Text wie andere. Und das ist gut so.
Wer dieses Buch kauft, kauft also zwei Bücher. Eine Hommage auf die filmische Religion der Gegenwart, deren Kultort das Kino ist und eine Sammlung von Unterrichtsentwürfen, die anregend sind und nur deswegen eine gewisse Enttäuschung beim Rezensenten hervorriefen, weil das erste Buch mehr versprach.
Frank Hiddemann