Noch nie ist der Buddhismus im Westen so en vogue gewesen wie heute, und nach Informationen von Fachleuten soll die Zahl der Anhänger der tibetischen Formen des Buddhismus im Westen größer sein als die jeder anderen. Kein Wunder, daß die Zahl buddhistischer Einführungen unüberschaubar groß geworden ist, und fast schon muß man sich fragen, ob es noch Bedarf gibt für neue Veröffentlichungen. Eine konzise Darstellung dessen, was der Mensch im Buddhismus will und wie er dies umsetzt, stellt jedoch noch immer eine Herausforderung dar. Immerhin unterscheiden sich nicht nur im Hinayana-, sondern auch im Mahayana- und tantrischen Buddhismus eine Vielzahl von Orden nach Lehrinhalten, deren Betonung sowie deren Deutung, nach Meditationspraktiken und monastischer Organisation. Über den tantrischen Buddhismus in seiner Ausformung als tibetischer Buddhismus haben die beiden Religionswissenschaftler Regina und Michael von Brück ihre Einführung vorgelegt. In einer Begegnung (so der Untertitel) wird der Leser in „Die Welt des Tibetischen Buddhismus" geführt. Nach einem ersten Eindruck vom geschichtlichen Hintergrund der Verbreitung des Buddhismus in Tibet wird dessen Geisteswelt diskutiert. Die Vertrautheit der Autoren mit dieser Geisteswelt drückt sich u.a. darin aus, daß sie eigene Worte finden, um diese zu behandeln. Scheinbar so leicht verständliche Inhalte wie der 'edle achtfache Pfad' gewinnen durch von Brücks eigene Deutungen erheblich mehr Klarheit als dies in gängigen Darstellungen der Fall ist. Da im tibetischen Buddhismus die meditative Praxis eine zentrale Rolle spielt, räumen die Autoren ihr einen entsprechenden Platz ein. Einen großen Teil nehmen in ihrem Buch daher die Beschreibung der bzw. die Hinführung zur spirituellen Praxis, den damit zusammenhängenden geistigen Prozessen sowie deren Erläuterung ein. Nicht nur weltanschauliche Grundlagen, sondern auch wichtige Definitionen der wirksamen Bewußtseinskräfte und -ebenen, die zugrunde liegenden mentalen Faktoren und in Frage kommende Meditationsmethoden werden knapp, aber klar beschrieben. Lobenswert ist, daß die Autoren kritische Anmerkungen nicht vergessen: „Westlichen Meditationsbegeisterten ist oft nicht klar, daß hier eine Aufgabe angesprochen ist, die man nicht im Vorübergehen lösen kann. Wer den buddhistischen Weg des Geistestrainings gehen will, braucht Hingabe, Geduld und Beistand in einem Maße, wie wir es uns kaum vorstellen können." Um den Einblick in den tibetischen Buddhismus abzurunden, werden am Ende die für das System des Lamaismus typischen Medienerscheinungen (Schamanen, Trance, Orakel) angesprochen. Eigentlich unmöglich erscheint das Unterfangen, Nichteingeweihte in einem solchen vergleichsweise dünnen Band nicht nur an die Oberfläche, sondern wirklich näher an die Inhalte des tibetischen Buddhismus heranführen zu wollen - und doch gelingt es in einem erstaunlichen Ausmaß. Mit Blick auf den gelungenen Entwurf der religiösen Inhalte sind die generalisierenden Skizzen zur Geschichte Tibets - die immer noch ausgewogener als manch umfangreichere Abhandlung sind - verzeihlich. Letztere hat sich Michael von Brück ohnehin in seinem Buch „Religion und Politik im Tibetischen Buddhismus" zum Thema gemacht. In angemessenem Umfang werden die Verquickung von Religion und Politik bei den Tibetern und ihre Implikationen für die Gesellschaft und das politische Alltagsgeschehen abgehandelt. Im ersten Teil räumt von Brück sachlich mit zahlreichen Verklärungen auf, die im Kern dem westlichen Tibet-Mythos zuzuschreiben sind. Dabei wird so manche, scheinbar unverrückbare Tatsache zur Disposition gestellt. Auch chinesische Projektionen und Positionen nimmt er mit Recht kritisch unter die Lupe, denn „weder die Dämonisierung noch die Glorifizierung Tibets ist historisch glaubwürdig und hilfreich für das tibetische Volk" (S.30). Nur die Einsicht in die Rolle des Lamaismus im historischen wie modernen politischen Ränke- und Machtspiel wird uns endlich einem Verständnis der Ursachen der Tibetfrage und die Tibeter einer Lösung ihrer Probleme näherbringen. Solches erkannt, beschäftigt sich von Brück im zweiten Teil des Bandes im wesentlichen mit der modernen Zeit. Ein Kapitel, das die Grundlagen und Problembereiche des Tantrayana in Tibet umreißt, ist in beträchtlichen Teilen eine Reaktion auf die in ihrem Anliegen zwar sehr wichtige, in ihrer inhaltlichen Durchführung oft aber phantastisch über die Stränge schlagende Studie von Victor und Victoria Trimondi (alias Roettgen: Der Schatten des Dalai-Lama - Sexualität, Magie und Politik im tibetischen Buddhismus. Düsseldorf: Patmos-Verlag 1999, 816 S). Einig sind sich beide Seiten wohl in ihrer Auffassung, daß der Westen die Chancen und Gefahren von Deutungen und Fehleinschätzungen der tantrischen Systeme nicht in angemessener Weise würdigt. Sind jedoch die Trimondis überzeugt davon, daß der Tantrismus den Lamas - insbesondere dem Dalai Lama - im Kern dazu diene, die Weltherrschaft zu erlangen, führt von Brück mit seinen Deutungen wieder zu den eigentlichen Anliegen des Buddhismus zurück - und vertritt dabei, daß die Exzesse des tantrischen Systems aus der Schwäche der Menschen resultierende Entgleisungen und daher nicht systemimmanent seien. Ein umfangreiches Kapitel ist der Kontroverse um Dorje Shugden gewidmet, einer Schutzgottheit, deren Kultus in der tibetischen Exilgemeinde und der westlichen Gelugpa-Anhängerschaft viel Unruhe gestiftet hat. Zwar rechtfertigt die Bedeutung dieser Schutzgottheit im Gesamtzusammenhang der Religionsgeschichte Tibets einen solchen Umfang nicht, doch ist dieses Kapitel bislang die einzige für eine breitere Öffentlichkeit bestimmte Publikation, in der sich ein interessierter Leserkreis über die Shugden-Kontroverse und ihre Hintergründe informieren kann. Als einer der größten doktrinären Konflikte in der Geschichte des modernen Lamaismus wird deren Kenntnis künftig wohl noch mehr von Bedeutung sein. Das abschließende Kapitel gibt Interviews mit dem Dalai Lama wieder, in denen er zu Gewalt und Gewaltlosigkeit befragt wird, wie auch zu Themen, die ökumenische Fragen betreffen sowie solche der Gedanken des Dalai Lamas darüber, wie religiöse Anliegen weltweit politische Kultur oder die Menschheit per se voranbringen könnten. Es stellt sozusagen die tibetisch-buddhistische Synthese aus Theorie und Wirklichkeit des Lamaismus dar. So interessant diese Ausführungen auch sein mögen, ist doch zu bedenken, daß die Vorstellungen des Dalai Lamas allein nicht den tibetischen Buddhismus - und schon gar nicht die daraus abgeleitete politische Marschrichtung der Exilregierung - repräsentieren können. Nicht nur ist der Dalai Lama lediglich eine - wenn auch für viele die wichtigste - der höchsten Inkarnationen, sondern er ist ein Vertreter einer einzigen der tibetischen Schulrichtungen, unter denen sich innerhalb der vier Hauptschulen eine Fülle ihm nicht unterstehender, in der Auslegung und Betonung der Inhalte sehr unterschiedlicher Orden finden. Jenseits der zentraltibetischen Grenzen haben die von Gelugpa-Traditionen unabhängigen Schulrichtungen durchaus ihre Eigenständigkeit bewahrt und bemühen sich auf andere Weise, die Sektengrenzen überwinden (wie z.B. in der osttibetischen Rime-Bewegung), als er dies zu tun wünscht. Das wird bei der Publizität des heutigen Dalai Lamas gerne vergessen. So ist als ein wesentliches Verdienst dieses Buches anzuführen, daß es mit der Verklärung der buddhistischen Tibeter aufräumt, daß es deutlich macht, daß auch in Tibet - wie andernorts auf der Welt - die Verquickung von Religion und Politik regelmäßig dazu geführt hat, daß religiöse Kerngedanken vergessen oder ihnen zumindest zuwidergehandelt wurde. Ein wenig schmerzlich ist, daß die Qualität der Darstellung, die insgesamt wenig vom Mythos Tibet getrübt ist, durch eine starke Zentriertheit auf den Dalai Lama andere Aspekte Tibets vernachlässigt und die modernen Tibeter in vieler Hinsicht auf ihre bekannteste Führungspersönlichkeit reduziert. Mit diesem Kritikpunkt im Hinterkopf kann dem vorliegenden Buch jedoch überaus viel abgewonnen werden. Andreas Gruschke