Release - so heisst das neue Studioalbum der Pet Shop Boys.
Knapp drei Jahre nach ihrer letzten Platte "Nightlife" präsentieren die Pet Shop Boys mit Release eine ausgesprochen typische, weil ungewohnte Platte. Ungewohnt sicher in Gestalt der neuen Gitarrenklänge und fast reinen Accoustic-Stücken wie "The Samurai in autumn", die man bisher bestenfalls von B-Seiten kannte.
Dabei setzen Neil Tennant und Chris Lowe eine Tendenz hin zum Introvertierten fort, die in ihrer Musik, vor allem den Texten, spätestens seit ihrem "Hit für die Ewigkeit", Go West, erkennbar ist. Es geschieht nicht oft, dass ein Lied ein Lebensgefühl, eine Stimmung der Gesellschaft so perfekt aufgreift und widerspiegelt, wie es den beiden in ihrem Cover dieses Village-People-Songs gelungen war. Am Zenit ihrer Popularität waren es die Pet Shop Boys, die ein deultiches Zeichen im Bewußtsein ihrer Zeit hinterließen.
Aber auch in die andere Richtung scheint der Erfolg von "Go West" gewirkt zu haben. Von "Bilingual" (1996) über "Nightlife" (1999) hin zu ihrem neuen Werk lassen sich mehrere entwicklungslinien verfolgen, die im zunehmenden Maße an Gewicht gewinnen, während andere Aspekte zunehmend in den Hintergrund treten.
Der Begriff des "Home" gewinnt in den Texten der beiden konsequent an Bedeutung; schon spürbar in Bilingual-Stücken wie "A red letter day", wurde schon auf Nighlife in "The only one" oder "Footsteps" eine Sehnsucht immer stärker: Der Wunsch nach dem Vertrauten, Bekannten, dem aus Gewohntheit Verlässlichen. Diese Linie ist es, die wir stärker als je zuvor in "Release" wiederfinden. Da ist die Auskopplung "Home and Dry", da ist ein Lied namens "London", und wenn Neil Tennant singt, "you`ve got a home here / call it what you want / you`ve got a home here / to return to when you can't / face theworld and you need / some support to succeed / you`ve got a home), dann verstehen wir das Zuhause als Schutzraum, als Ort der Erlösung.
Die Überschwenglichkeit, die in "Se a vida é" oder teilweise noch "New York City Boy" zu finden war, sucht man vergeblich auf Release, und gerade das gibt dem neuen Album eine Homogenität auf einem hohen sentimentalen Niveau; müßig zu erwähnen, dass gerade Neils Stimme diesem Bild eine unermeßliche, sinnliche Tiefe zu geben vermag.
Die Pet Shop Boys sind mit "Release" nochmal ein großes Stück reifer und älter geworden und, nicht zuletzt, sind sie menschlicher denn je zuvor. Hinter den Melodien der Pet Shop Boys verbergen sich nicht länger künstliche Figuren ohne eigene Realität, wie Neil die Gruppe noch vor wenigen Jahren selbst in einem Interview charakterisierte; Auf "Release" spüren wir vielmehr die reinen, menschlichen Sehnsüchte, Hoffnungen und Verzweiflungen, und gerade das lässt das Album so nahe und vertraut erscheinen.
Allgemein ist "Release" ein Album, dass auf ausgesprochene Höhpunkte verzichtet, kein Stück tritt hervor - was jedoch am Ende bleibt ist eine unerklärliche Sehnsucht, die zu beschreiben keine Worte ausreichen. Ein äußerst homogenes Werk, das Neil und Chris mit ihrem achten Studioalbum abgeliefert haben. Ob es gefällt, ist in diesem Fall mehr als üblich Geschmackssache.
So lautet auch der Titel des abschließenden Liedes aus Release: "You Choose".