Aus der Amazon.de-Redaktion
Release the Stars ist vieles zugleich: schrecklich und schrecklich schön. Aufdringlich und anrührend. Gespickt mit reichlich Pathos, -echtem wie falschem. Ein aufregendes Album, in dessen Verlauf Rufus Wainwright die Hörer durch ein wahres Wechselbad der Gefühle jagt. Die musikalischen Zügel behält er bei dieser Tour de Force zwischen Klassik und Pop stets fest in der Hand und verhindert gekonnt jegliches Kippen in Chaos und Langweile.
Neben dem zugegebenermaßen etwas naiven Wunsch, wie einst Lou Reed und David Bowie in Berlin ein düsteres Album aufzunehmen und zugleich in Lederhosen Bratwurst essend historische Baudenkmäler zu bestaunen, erklärt eines der schönsten Stücke des Albums Going to a Town Rufus Wainwrights anderen Grund den Vereinigten Staaten für ein Weilchen den Rücken zu zeigen: You took advantage of a world that loved you well, Im so tired of you America lautet sein entwaffnend trauriges Bekenntnis. Die dezente Begleitung aus Streichern und Background Chor beschwört wundervoll die innig-triste Atmosphäre eines verregneten Nachmittags hinter den beschlagenen Scheiben eines New Yorker Cafés herauf. Diese Pause hat der Hörer auch dringend nötig, wenn er den Opener Do I dissapoint you überstanden hat; eine aufstrebende Melodielinie, fiebrig leuchtend orchestriert, die sich zur Lobpreisung mit einem Kinderchor geradewegs ins Universum empor zu winden scheint. Nicht nur das Stück selbst ist grandios, sondern Wainwrights Fähigkeit, Songs zu einem gelungenen Ende zu führen. Selbst dann, wenn diese bereits oft nach gut der Hälfte unter ihren völlig überfrachteten Orchester-Arrangements zu kollabieren drohen. Bis auf zwei Ausnahmen: Nobodys off the hook berührt zunächst aufgrund seines wunderbaren Textes und der Begleitung mit kleinem Streicherensemble und Piano, jedoch leider nur bis zu jenem Punkt an dem Wainwright glaubt, die Tragik des Brechens junger Herzen musikalisch illustrieren zu müssen. Er ergeht sich in einem Gesangsstil, wie einst Elvis Costello in den schwächsten Momenten seines ansonsten ebenfalls fulminanten Albums mit dem Brodsky Quartet The Juliet Letters, eine Knödel-Arie ohnegleichen, die in dem Stück Tulsa ihren absoluten Höhepunkt findet. Amüsant spielerisch hingegen der Anfang von Tiergarten. Der kommt daher wie Animationsmusik in der Muckibude des Clubschiffs AIDA, Marimbaklänge unterlegt mit rhythmischen Hecheln von Menschen beim Joggern oder was? Wont you walk me through the Tiergarten, wont you walk me through it all? balzt Wainwight unschuldig, mit Streichern unterlegt. Ob er wohl zu versunken war, um zu bemerken, dass im Berliner Tiergarten erstaunlich viele Büsche Beine haben, und zwar vorwiegend männliche? Wainwright ist eben weniger Realist, als vielmehr Meister des schwärmerisch-elegischen Abgesangs.
Not ready to love und Leaving for Paris No. 2 sind wahre Kleinode, für all jene, die sich bereits auf Want Two nicht an Peach Tree satt hören konnten. Erwähnenswert auch der Track Sanssouci. Wir wissen nicht, ob Wainwright bei einem Ausflug nach Potsdam zufällig Produzent Ralph Siegel über den Weg lief. Doch wie sonst ließe sich ein Schlager dieses Kalibers auf Release the Stars erklären, instrumentiert mit trillernden Piccoloflöten, wie ausgeborgt vom Frühlingsfest des Berliner Polizeiorchesters, gestrickt in einer Manier, die deutsche Titelentwürfe wie Liebe ist ein scharfes Schwert dramatisch nahe liegend erscheinen lassen? Doch auch hier hat Rufus Wainwright wieder einmal nichts verraten und gekonnt die Kurve gekriegt. Hören und Staunen!
Andreas Schultz
pure.de
Die große Geste bestimmt "Release The Stars" von Rufus Wainwright - obwohl er ursprünglich auf diesem Album darauf verzichten wollte. Nach seinen letzten beiden "Want"-Werken hatte der unkonventionelle Popsänger mehrmals in Interviews erklärt, dass sein fünftes Opus simpler ausfallen würde, sparsamer, minimalistischer. Dann kommissionierte der Direktor der New Yorker Metropolitan Oper ein abendfüllendes Werk von ihm. Das werde noch Jahre dauern, meint Wainwright, er sei immer noch ein Popstar. Aber die grandiose Sentimentalität, der coole Cabaret-Kitsch von "Release The Stars" nimmt den Tonfall einer Rufus-Oper vorweg; er verneigt sich dort vor seinen Helden Verdi, Strauss und Wagner. In diesem Sinne ist es also doch ein "typisches" Wainwright-Album geworden - aber besser, mitreißender als "Want 1+2", auf denen Wainwright noch spürbar mit seinen inneren Dämonen kämpfte. Der Sänger und Pianist nahm "Release The Stars" in Berlin, im ehemaligen Rundfunkhaus der DDR auf. "Als ich nach Berlin kam, dachte ich daran, dort so ein Lou Reed-David Bowie-Charakter zu werden, der Kajalstift aufträgt, in dunklen Hauseingängen herumlungert und dann so ein Weill´sches "Mackie Messer"-Album abliefert", erzählte der moderne Dandy dem Sydney Morning Herald. "Am Ende trug ich {bayerische} Lederhosen, besuchte Schloss Sanssouci, aß Bratwurst und verwandelte mich in einen wahnsinns-deutschen Romantiker." Wainwrights Liebe zur Klassik ("viel an Popmusik lässt mich einfach kalt") brachte ihn vor kurzem dazu, einen Sampler für die Yellow-Lounge-Reihe der Deutschen Grammofon zusammenzustellen. Die stilistischen Einflüsse seines eigenen Albums gehen am Ende aber über die europäische Klassik hinaus. Das US-kritische "Going To A Town" wäre der beste Elton John-Song; "Between My Legs" könnte tatsächlich von Bowie sein; auf "Rules And Regulations" erklingen Mariachi-Trompeten. "Release The Stars" hat in allem diese Wainwright´sche Spannung, bei der man sich fragt: Wann knallt´s? Wann bricht er aus - oder zusammen? Eines kann das Album dabei nicht sein: langweilig. Der kompositorische Funke des 33jährigen Folk-Pop-Aristokraten lässt seine emotionale Hemmungslosigkeit nie ins Banale abgleiten. Er ist die Inkarnation der großen Diven der 30er: Marlene oder Greta. Er treibt selbst dem rationalsten Hörer die Röte in die Wangen. In englischsprachigen Ländern sollte man seine Songtexte besser nicht laut in öffentlichen Verkehrsmitteln vor sich hin singen.
Rufus Wainwright widmet sein fünftes Album der Folksängerin Kate McGarrigle: "This album is dedicated to my mother who still whispers in my ear that I'm great." Mit viel Ohrgeflüster hat es der 33-jährige Sänger auch ohne eine einzige Hitsingle zum weltweit wichtigsten Artpopstar geschafft. Vor allem durch die beiden "Want"-Alben etablierte sich Wainwright als grandioser Songschreiber zwischen Opernschwulst und wunderbar spröden Popmelodien. Unterstützt von Pet-Shop-Boy Neil Tennant als Teilzeitproduzent steigt er mit "Release the Stars" jetzt in einen Orchestergraben, der so überfüllt ist wie ein Unihörsaal. Vielleicht hat ihn seine Mitwirkung bei der Klassikkompliation "Yellow Lounge" inspiriert, für die das Fauré Quartett zwei seiner Songs interpretiert. Möglicherweise hat Wainwright auch bereits an die Oper gedacht, die er demnächst im Auftrag der New Yorker Metropolitan Oper schreiben soll. Denn leider kommen die intimen Pianomomente auf dem neuen Album zu kurz. Natürlich verstecken sich auch im barocken Melodiereigen grandiose Songs - die Single "Going to a Town" oder die wunderschöne Berlin-Hommage "Tiergarten" etwa. Doch manchmal überdecken Streicher und Bläser nur die für Wainwrights Verhältnisse durchschnittlichen Songs. Sicher:"Release the Stars" ist eine der bisher besten Veröffentlichungen 2007. Ein würdiger Nachfolger für sein Meisterwerk "Want two" ist das Album dennoch nicht. Rufus, wir wollen "Want three"! (cs)
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