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Rick Wakeman hatte YES nach 'Tales of Topographic Oceans' frustriert verlassen und der Schweizer Patrick Moraz wurde als sein Nachfolger ausgewählt. Konzert-Videos von YES zeigen, dass Patrick Moraz wirklich ein phantastischer Keyboarder im positiv-traditionellen Sinne ist, aber was ist auf dieser Platte davon zu hören? Es nur meine ganz persönliche Meinung, aber ich habe den Eindruck, dass Howe hier - bewusst oder unbewusst - versucht, den Part von Wakeman mit zu übernehmen. Moraz liefert zwar auf 'Sound Chaser' ein rasantes Synthesizer-Solo ab, aber ansonsten ist sein Beitrag auf 'Relayer' auf Hintergrundarbeit und Geräuschemachen beschränkt, wohl ganz einfach aus Platzmangel.
Ist das schlimm? Nicht wirklich - wenn man zufällig ein Fan von Steve Howe ist. Der liefert auf 'Relayer' nämlich seine Tour de Force ab und zieht mit streckenweise fast schon brachialer Gewalt alle Register seines spielerischen Könnens. Nicht dass er es noch nötig gehabt hätte, sich zu beweisen - dazu hätte schon 'The Yes Album' gereicht, oder sogar nur das Stück 'Clap' daraus - aber vielleicht wollte er nach den teilweise klaustrophobischen Gitarrensounds von 'Topographic Oceans' mal wieder so richtig loslegen. Ausserdem war das Schlachtszenen-Szenario für 'Gates of Delirium' von Jon Anderson schon vorgegeben worden und Howe tut genau das richtige in einer solchen Situation: er kämpft um jeden Ton. Aber Steve Howe wäre nicht der geniale Gitarrist der er ist, wenn er es dabei belassen hätte. Am Ende von 'Gates of Delirium' löst er mit seiner Steel-Guitar die kriegerische Stimmung in ein friedvolles, emotionales und leicht fernöstlich klingendes Finale auf, das die ganze Welt wieder zu versöhnen scheint. Auf 'To Be Over' spielt Howe eines seiner schönsten Gitarren-Soli überhaupt. Das Thema, das er zum Ausklang des Stückes spielt, klingt so feierlich, dass man fast schon meint, Glocken läuten zu hören. Als ich diese Passage zum ersten Mal hörte, musste ich unweigerlich an Mussorgskis 'Bilder einer Ausstellung' denken.
Im Gesamtwerk von YES nimmt 'Relayer' mit seinem großen emotionalen Spektrum und Steve Howes Virtuosität sicherlich einen vorderen Platz ein. Nach 'Relayer' widmeten sich die Mitglieder der Band diversen Solo-Alben, oft mit Patrick Moraz als Keyboarder. Letzterer verschwand dann irgendwann im Nichts und Rick Wakeman kam für 'Going For The One' wieder zurück.
Patrick Moraz, der vorher mit den beiden ex-Nice Musikern Lee Jackson und Brian Davison Refugee gegründet hatte (leider gab's nur ein [exzellentes] Album), empfahl sich damit schon für höhere Aufgaben. Der fulminante Stil Moraz', der sich bereits auf dem Refugee-Album zeigte, prägte auch bei diesem Yes-Album das zentrale Stück, nämlich 'Gates of delirium'. Es blubbert und sprudelt, stetig wechseln Klangfarben und Tempi. Der Titel wird der Musik gerecht, was nicht heissen soll, dass hier die pure Kakophonie dominiert, ganz im Gegenteil (zugegeben, es gibt ein, zwei kürzere Passagen, die vielleicht beim ersten Hören etwas gewöhnungsbedürftig sind): hier duellieren sich Howe an der Gitarre (der seinen ganzen Facettenreichtum an Können darbietet) und Moraz, der hier in seinen besten Momenten Wakeman bei Weitem überflügelt.
Nach diesem im positiven Sinne brachialen Opener geht es mit Soundchaser, einem musikalischen Parforceritt, weiter: Breaks, verschleppte, verlangsamte Schlagzeugtempi (White überschlägt sich hier an manchen Stellen fast) und Howes' Finger scheinen die Saiten zum Glühen zu bringen.
Der Rausschmeisser 'To be over' geht in Richtung von 'And you and I' des 'Close to the Edge'-Albums - wobei ein beruhigendes, entspanntes Balladenstück nach dem vorangegangenen Feuerwerk mehr als angemessen ist.
Sollte für Yes-Einsteiger nicht unbedingt der erste Kontakt zur Band sein - man sollte ihn aber auf keinen Fall versäumen!
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