2009 sollte eigentlich das Jahr des "Three Headed Monsters" werden. Angekündigt war neben 50 Cent's "Before I Self Destruct", Dr. Dre's "Detox" (haha) gleich zwei mal der fünf Jahre lang mit Pillen fressen und Magen auspumpen beschäftigte Eminem mit "Relapse" und dem Nachfolger "Relapse 2". Während Aftermath mit "Relapse" schonmal das erfolgreichste Hip Hop Album des Jahres vorweisen kann, blieb 50 mit seinem verspäteten, vierten Soloalbum trotz hoher musikalischer Qualität kommerziel weit hinter den Erwartungen zurück. Ja, und "Detox"... Ach, egal! Jedenfalls war es zu erwarten, dass "Relapse 2" dieses Jahr nicht mehr das Licht der Welt erblicken wird. Zwei Eminem-Alben in einem Jahr wäre nach der heutigen Lage der Musikindustrie fast schon utopisch.
Offiziell liess Meister Mathers verlauten, er und Dre hätten "Relapse 2" schon fast fertiggestellt. Doch in den darauffolgenden Studiosessions mit Produzenten wie Just Blaze ging man musikalisch in eine komplett andere Richtung, so dass man sich entschlossen hatte, das gesamte Album zu überarbeiten und auf 2010 zu verschieben. Als Entschädigung veröffentlicht Eminem, gewissenhaft und pflichtbewusst wie er ist, eine Neuauflage von "Relapse" mit einer sieben Tracks starken Bonus-CD, die aus dem Anfangs für die erste Version von "Relapse 2" aufgenommenen Material besteht. Mit Hilfe des bösen Internet bin ich schonmal in den Genuss dieser Stücke gekommen.
Über "Relapse" braucht man eigentlich nicht mehr viel Worte zu verlieren. Auch wenn die Vorgänger teilweise inhaltlich mehr Substanz und einen weitaus größeren popkulturellen Einfluss vorweisen können, ist "Relapse" das bis dato musikalisch beste und kohärenteste Album Eminems. Auf seine teilweise sehr dilletantischen Eigenproduktionen wurde bis auf eine Ausnahme verzichtet, stattdessen bescherte uns der mächtige Dr. Dre ein Beat-Feuerwerk, dass jeden noch so versierten Nachwuchsproduzenten vor Neid erblassen und über ein Karriereende nachdenken lässt. Dre's Soundqualität ist nach wie vor unerreicht, aber auf "Relapse" übertrifft er sich selbst. Die Drums klingen kraftvoll wie nie zuvor, was da alles an Liveinstrumentierung, Backgroundchören und sonstigen Effekten geboten wird, ist allerhöchste Königsklasse und absolut unnachahmlich. Übrigens ist es das erste Mal seit Snoop's 93'er Debutalbum "Doggystyle", dass Dr. Dre jemandem ein komplettes Album produziert, insofern ist "Relapse" alleine deswegen von sehr hohem historischen Wert.
Dazu kommen natürlich Eminems unmenschliche Skills: In immer wieder atemberaubernder Reimakrobatik und bester Slim Shady-Manier gibt er wirre Mordphantasien, Vergewaltigungsstories, Drogenexzesse und natürlich die angenehm geschmacklosen Seitenhiebe in Richtung Debbie Mathers, Mariah Carey und Christopher Reeves zum Besten. Dass dabei keine deutliche lyrische Weiterentwicklung zu spüren ist, hängt damit zusammen, dass Eminem schon zu "Loose Yourself" Zeiten MC-technisch auf einen nicht zu übertreffenden Level war. Wie soll er sich denn bessern, wenn es besser einfach nicht geht? Natürlich gibt es Hater, die meinen, es wäre alles der selbe Klamauk und nichts Neues. Das sind aber die selben Typen, die nach "Mockingbird" und "When I'm Gone" nach dem alten Eminem geschrien haben. Hater heissen nunmal Hater, weil man sie nicht zufriedenstellen kann. Und wer bei solch einer Konzentration an Killerreimen und Mörderbeats noch irgendwas über Inhalte zu meckern hat, der sollte am Besten aufhören, Rapmusik zu hören und sich der klassischen Literatur widmen.
Ich bin jedenfalls bei "Relapse" voll auf meine Kosten gekommen. Songs wie die majestätische Dre-Hymne "My Moms" mit dem unwiderstehlich unterhaltsam gerapptem Dialog zwischen Debbie und Marshall, der in bester "Kill You" Tradition gehaltene Wahnsinn auf "Insane", das mit peitschenden Livedrums und Dudelsack ausgestattete "Bagpipes From Baghdad", das melancholische "Same Song & Dance", die Vierzigfachreim-Skillsabfahrt auf "Stay Wide Awake" und das hypnotische "Deja Vu" sind längst Klassiker, die den besten Eminem Songs in nichts nachstehen und schon das ganze Jahr von mir über auf Heavy Rotation gepumpt werden.
Zu dem Ganzen gibt es auf "Refill" die oben genannte Bonus-CD mit fünf neuen Tracks und den zuvor veröffentlichten Songs "Forever" und dem etwas unspektakulären Spaßtrack "Taking My Ball". "Forever" kommt mit Allstar-Aufgebot um Shootingstar Drake, Kanye West und Lil Wayne auf Schnellfeuer-HiHats, Streichern und Sirenen vom kanadischen Produzenten Boi-1da. Der Song ist allerdings nur mit Video wirklich unterhaltsam, besonders Drake's zuckersüß gesungene Hook wertet das Ganze ein wenig ab.
Dafür haben es die fünf neuen Tracks sowas von in sich: "Hell Breaks Loose" mit Dre in Doubletime hätte noch besser auf "Relapse" gepasst als "Old Time's Sake". Der Beat klingt, als hätte man ein ganzes Symphonieorchester in's Studio geholt und mit den für Dre typischen Bassgitarrenklängen gepaart, die Hook ist gewohnt eingängig und effektiv. Auf "Buffalo Bill" packt Em wieder seinen infamosen Akzent aus, musikalisch nicht weniger eindrucksvoll untermalt als der Vorgänger. Die Bombe lässt Eminem allerdings erst im Alleingang auf dem von ihm selbst produzierten "Elevator" hochgehen. Auf einer wunderbaren Saxophonmelodie erreicht er während den Strophen ein Energielevel, dass es einem die Sprache verschlägt. In der musikalisch mehr als Break gehaltenen Hook beschreibt Em seine beispiellose Karriere: "Back in the day when I met Dre/I used to sit and goof on the phone with my friend Proof/That if I went gold, I'd go right through the roof/He said what if I went platinum, I just laughed at him/That's not happenin', that I can't fathom/80 something million records worldwide later/I'm livin' in a house with a f*ckin' elevator".
Auf "Music Box" spielt eben diese eine wunderschöne Kinderliedmelodie, unterlegt mit Streichern, drückendem Bass und Eminem's wie immer beeindruckender Psychopathenlyrik. Ein geschultes Ohr wird im Beat von "Drop The Bomb On 'Em" einige Parallelen zu "Straight To The Bank" von 50 Cent erkennen. Die Pianoline und der Bläsereinsatz am Ende des Taktes erinnert schon sehr an dessen Struktur, was allerdings nichts daran ändert, dass es sich um einen weiteren monströsen Uptempo-Banger handelt, der sogar ein wenig klassischen Boombap-Vibe verbreitet. Darauf bringt Eminem die Unzerstörbarkeit seines Teams auf den Punkt: "It's Shady-f*ckin'-Aftermath, boy the ship doesn't sink/It just flows in the water til we fill up the tank".
So viel außerirdische Dopeness treibt die Erwartungshaltung für "Relapse 2" in's Unermessliche, aber ich bin da guter Hoffnung. Mit jemandem wie Just Blaze und Alchemist mit im Boot wird es mit Sicherheit noch einige Überraschungen geben. Und bei dem, was Dr. Dre da dieses Jahr mit Eminem alles rausgehauen hat, bin ich mir 100%ig sicher, dass "Detox", wann auch immer es erscheinen wird, trotz aller gegenteiliger Behauptungen alles Dagewesene ausnahmslos zerf*cken wird.