Dieses Buch könnte das deutsche Ausbildungssystem im Reitsport von Grund auf reformieren! Und die "Richtlinien für Reiten und Fahren" sind dringend reformbedürftig! Der Sportpädagoge Eckart Meyners beschäftigt sich seit über drei Jahrzehnten mit der Bewegungslehre beim Reiten. Reiten ist die einzige olympische Sportart, die nicht an einer Sporthochschule oder in einem Lehramtsstudium an deutschen Hochschulen gelehrt wird; Reiten als Disziplin hat sich einer sportwissenschaftlichen Durchdringung lange Zeit widersetzt. Eckart Meyners ist der erste und vorerst einzige Sportwissenschaftler, der diesen Missstand erkannt und geändert hat. Seine Bücher und Lehrgänge sind inzwischen international begehrt. Hannes Müller ist Ausbildungsleiter der Deutschen Reitschule in Warendorf (www.landgestuet.nrw.de) und bildet an dieser bundeszentralen Lehrstätte Berufsreiter und Reitlehrer aus. Müller arbeitet seit Mitte der 1990er Jahre mit Meyners zusammen und hat als einer der ersten Berufsreitlehrer das hohe Potential der modernen Bewegungslehre für den Reitsport erkannt. Kerstin Niemann ist Redakteurin der Zeitschrift St. Georg und ausgebildete Pferdewirtin.
In der Flut der Neuerscheinungen der letzten Jahre mag "Reiten als Dialog" zunächst kaum auffallen. Auch ist es inhaltlich sehr kompakt und für die meisten Leser nicht als leichte Bettlektüre geeignet. Reiten als Dialog" ist ein Kompendium der Ausbildungslehre für Bereiter, Trainer und für anspruchsvolle Reiter, die mehr wollen, als nur zwischen sich und dem Boden ein Pferd zu behalten". In einigen Passagen orientieren sich die Autoren bewusst an der Fachterminologie der Sportpädagogik, die dem althergebrachten Reitlehrer zunächst befremdlich erscheinen mag, wovon sich der sportwissenschaftliche Laie jedoch nicht abschrecken lassen sollte. Bei näherem Hinschauen handelt es sich bei Reiten als Dialog" um eines der wichtigsten Reitbücher der letzten Jahrzehnte; es ist ein Füllhorn der Inspirationen für den modernen Reitunterricht!
Ziel des Buches ist es, so die Autoren (S. 17): ... Ihnen als Reiter zu vermitteln, wie Ihr Körper funktioniert und wie Ihr Körper mit den natürlichen Bewegungen des Pferdes korrespondieren muss." Die Autoren gehen implizit von der These aus, dass Deutschland mit der Ausbildungsskala für das Pferd das beste Ausbildungssystem der Welt hat. Allerdings handelt die Ausbildungsskala eben nur vom Pferd - für den Reiter gibt es in unserem offiziellen Ausbildungssystem noch keine zeitgemäße, den biologischen Bedürfnissen des Menschen angepasste Ausbildungslehre. Viele Reitschüler lernen trotz sinnloser Anweisungen des Trainers das Reiten; die Erfolgsquote könnte mit einem pädagogisch sinnvollen System exponentiell steigen. Das Buch Reiten als Dialog" schließt diese Lücke.
Deutschland ist das einzige Land der Welt, das überhaupt ein einheitliches Ausbildungssystem für den Reitsport hat. Niedergeschrieben wurde dieses System in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit staatlicher Unterstützung in Form einer militärischen Heeresdienstvorschrift, der berühmten HD 12, denn vor dem zweiten Weltkrieg war das Reiten und die Ausbildung von Pferden eine hoheitliche Aufgabe. Mit der Entwicklung der Ausbildungsskala wurde ein System geschaffen, das der Biologie des Pferdes gerecht wird. Die damals noch volkswirtschaftlich bedeutsame Ressource Pferd" wurde damit optimal genutzt und für viele Lebensjahre zu einem gesunden und verlässlichen Partner. Das 1939 erstmalig erschienene Buch Der Reiter formt das Pferd" von Udo Bürger und Otto Zietzschmann fasst das biologische Wissen und reiterliche Erfahrung aus Jahrhunderten zusammen. Dieses Wissen ist auch Grundlage von Reiten als Dialog", insofern wird keine neue Lehre geschaffen, sondern die alte Lehre wird um eine wichtige Komponente ergänzt: die Ausbildungsskala für den Menschen!
Auch die Ausbildungsskala des Reiters" ist nicht ohne Vorgeschichte. Bereits in der Heeresdienstvorschrift 12 fanden sich Passagen über die Förderung der Fitness des Reiters und der Verweis auf die entsprechende Dienstvorschrift für körperliche Ertüchtigung. Diese Inhalte wurden nach dem zweiten Weltkrieg bei der Übersetzung der HD 12 in die zivile Reitlehre - den Richtlinien für Reiten und Fahren" - ersatzlos gestrichen. Daran hat sich bis heute nicht viel geändert! In Bezug auf die Ausbildung des Reiters war die HD 12 von 1926 schon viel weiter, als es die Richtlinien" heute sind! Ein zweiter Mangel haftet den Richtlinien" seit ihrer schriftlichen Niederlegung nach dem zweiten Weltkrieg an: sie beschreiben zwar militärisch korrekt das Wie", aber nicht das Warum"! Es entspricht der militärischen Tradition, Anweisungen zu geben und nicht nach den Gründen zu fragen. So gilt es auch heute noch als verpönt, wenn der Reitschüler das Wort ergreift - Reitunterricht findet allzu häufig als Monolog des Ausbilders und nicht als Dialog statt.
Eckart Meyners und Hannes Müller erweitern die hergebrachte Reitlehre in zwei Richtungen:
1. Neben die Ausbildungsskala für das Pferd tritt gleichberechtigt eine zweite Ausbildungsskala für den Reiter. Diese Ausbildungsskala für den Reiter berücksichtigt moderne sportpädagogische Erkenntnisse über das Bewegungslernen des Menschen. Die Vorarbeit für ein verbessertes Ausbildungskonzept hat der Sportpädagoge Eckart Meyners in mehr als drei Jahrzehnten seiner praktischen Arbeit mit Reitern geleistet.
2. Die alt bewährte Reitlehre wird aus der Sicht des Reiters auf eine neue Weise erklärt: Hannes Müller hebt die drei Reittechniken 1. Stellen, 2. Biegen und 3. Halbe Paraden als grundlegende Prinzipien für das Reiten schlechthin hervor. Einmal gelernt, ist ein Transfer auf die Vielzahl der Reitsituationen möglich.
Diese Rückführung der reiterlichen Einwirkungsmöglichkeiten auf drei Prinzipien ist ebenso bedeutsam, wie die Formulierung der Ausbildungsskala selbst. Alle Reitlektionen stehen im Dienste dieser Grundprinzipien. Im Verlauf dieser Erläuterung wird in Reiten als Dialog" dem Reiter zugleich ein schlüssiges Warum" geliefert für die Vielfalt der Lektionen. Der Begriff halbe Parade" könnte auch durch folgenden mehr umgangssprachlichen Satz definiert werden: der Reiter muss jederzeit in der Lage sein, Tempo und Richtung des Pferdes mit den ihm zur Verfügung stehenden Hilfen zu bestimmen".
Um das Vorgehen von Müller zu verstehen, mag ein Vergleich mit dem Kochen hilfreich sein: es gibt Menschen, die Kochen strikt nach Rezept. Sie kaufen exakt die Zutaten, die im Rezept stehen und ihre wichtigsten Hilfsmittel sind Messbecher und Waage. Diese Menschen glauben, man müsse hunderte von Rezepten auswendig lernen, um ein Meisterkoch zu werden. Trotzdem erreichen sie nie die wahre Meisterschaft, da die Bedingungen der Wirklichkeit nie ganz den idealtypischen Bedingungen des Rezepts entsprechen - anders ausgedrückt: das Ideal existiert nur in der Theorie. Der wahre Meisterkoch dagegen braucht keine Rezepte - er hat verstanden, nach welchen Grundprinzipien sich Speisen zusammensetzten, er kennt die Natur der Zutaten und ihre Gareigenschaften und er kennt die Eigenschaften der Gewürze. Der Meisterkoch schafft viele neue Variationen ohne Rezept, jedoch nach immerwährenden und Jahrtausende alten Prinzipien. Ähnlich ist es mit dem Reiten.
Leider lernen die Nachwuchsreitlehrer und Trainer C an deutschen Landeslehrstätten und in anerkannten Ausbildungsbetrieben vielfach noch Rezepte auswendig, ohne dabei die Prinzipien des Reitens zu verstehen. Das ist ein gravierender Mangel des deutschen Systems, das nach wie vor selten nach dem Warum" fragt. Der zweite Mangel ist: die meisten Berufsausbilder mögen zwar viel über das Vermögen des Pferdes wissen, allerdings nur sehr wenig über den lernenden Menschen und seine biologischen Voraussetzungen. Vielen Ausbildern fällt zur Reitpädagogik nur lapidar ein: Reiten lernt man nur durch Reiten" oder etwa der vielzitierte Satz des Klimke-Lehrers Major a. D. Paul Stecken: Richtig reiten reicht!" Diese Worte werden meist mit einer gewissen Arroganz zitiert, die der Urheber des Zitats wahrscheinlich nicht gemeint hat. Es ist die gleiche Arroganz der Kaderselektierer, die im kalten Krieg Olympiareiter förderten. Ihnen ist Otto Normalverbraucher egal.
Auch die Kavallerie konnte durch Musterung die talentiertesten Reiter eines Jahrgangs heraussuchen und musste nicht mit den Widrigkeiten normal begabter Menschen umgehen. Eine moderne Ausbildungslehre kann sich diese elitäre Arroganz nicht mehr leisten. Reiten ist heute vor allem eines: Breitensport! Ein militärischer Kommandoton ist ungeachtet dieser Tatsache immer noch die vorherrschende Kommunikationsform in den Vereinen der FN und treibt nicht wenige der Hobbyreiter zu Ausbildern anderer Reitweisen! Überspitzt formuliert: wir haben in den Richtlinien für Reiten und Fahren" die beste Ausbildungslehre für das Pferd und eine ausgesprochen miserable Ausbildungslehre für den Reiter. Eckart Meyners, Hannes Müller und Kerstin Niemann versuchen nicht mehr und nicht weniger als einen Paradigmenwechsel im deutschen Ausbildungssystem einzuleiten. Insofern ist das Buch Reiten als Dialog" als reithistorischer Meilenstein anzusehen!
Was sind also die Grundprinzipien der Ausbildungsskala für den Reiter? Der Reiter muss in einem ersten Ausbildungsschritt zunächst Bewegungen fühlen lernen.
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