Dass der Tod im Reisfeld weit mehr war, als der manchem sich noch in Erinnerung befindliche Vietnamkrieg, das macht die Dreiteilung des Buches von Peter Scholl-Latour deutlich. In drei Hauptkapiteln eingeteilt, "Der erste Indochina-Krieg", "Der zweite Indochina-Krieg" und "Der dritte Indochina-Krieg", zeigt Scholl-Latour in den Kapiteluntertiteln von "Der Tod im Reisfeld", wer denn die kriegführenden Fremdherren der "Dreißig Jahre Krieg in Indochina" waren: "Die Franzosen", "Die Amerikaner" und "Die Chinesen".
"Anstelle eines Vorworts" bekundet Peter Scholl-Latour zunächst seine "Trauer über Saigon". Es war das "Continental", "das in den langen Jahren des ersten und zweiten Indochina-Krieges den Korrespondenten aus aller Welt", und Scholl-Latour war einer von ihnen, als Quartier diente. Die Terrasse des Hotels war "einst Treffpunkt, Nachrichtenbörse und Liebesmarkt einer lärmenden Journaille." Sich durch die Apparatschiks der neuen Machthabung unter den Nagel gerissen, stand es als Hotel später der Allgemeinheit nicht mehr zur Verfügung. Es war das "Majestic", in Nasenlänge am Saigon River gelegen, in dem der deutsche Reporter jetzt untergebracht war. Es war das "Majestic", wo er seine Trauer über die zwischenzeitliche Entwicklung der Stadt zum Ausdruck brachte. Wir schreiben das Jahr 1976, das Jahr nach dem unglaublichen Fall von Saigon. Saigon, die Stadt, die als Ho-Chi-Minh-Stadt bis heute noch - worin sie sich z.B. von der ehemaligen "Karl-Marx-Stadt" Chemnitz unterscheidet - ihren anbefohlenen personenkultigen Zwangsnamen trägt.
Alles beginnt - zumindest für Peter Scholl-Latour - in Kotschinchina, wohin er Ende 1945 als 21-jähriger junger Journalist an Bord des von den Franzosen ausgeliehenen englischen Truppentransporters "Andus" unterwegs war. Der Erste Indochinakrieg, der allgemein auf den Zeitraum 1946 bis 1954 terminiert wird, sollte gerade erst beginnen. Scholl-Latour lädt ein, nimmt mit zu seinen Erlebnissen und Begegnungen. Er berichtet aus Saigon, Haiphong und anderen wichtigen Stationen politischer und militärischer Entscheidungen. Wir lernen die Protagonisten kennen, ob die französische Generäle Leclerc oder Navarre, oder den der Gegenseite, den legendären Vo Nguyên Giáp von der Viet Minh. Es war die verlustreiche Schlacht von Diên Biên Phù, die dem nicht ganz 70-jährigen französischen Kolonialreich Indochina, der sogenannten Union Indochinoise, ihr unrühmliches Ende bereitete. Die unsägliche Teilung des Landes in Nord- und Südvietnam war eine der Folgen und bildete schon den Keim für den Zweiten Indochina-Krieg - und zu Scholl-Latours nächstem Kapitel.
Die Amerikaner treten auf den Plan. "Der Kriegsstil der Amerikaner ist ein ganz anderer. Auf Befestigungen wird kein Wert gelegt. Die eigene Feuerkraft ist alles. In Härtefällen verlässt man sich auf die Luftwaffe, und wenn es ganz schlimm kommt, stehen die Hubschrauber, die 'Chopper', bereit, um das amerikanische Beraterpersonal auszufliegen."
Wir befinden uns mitten im nun als Vietnam-Krieg bezeichneten zweiten Akt des Dramas: den heißen Dschungelkämpfen im Zeitalter des Kalten Krieges, einem sogenannten Stellvertreterkrieg der Großmächte, im Lande und auf dem Rücken eines kleinen sympathischen Volkes. Peter Scholl-Latour nimmt uns mit auf die Schlachtfeder dieses südostasiatischen Zeitgeschehens, mit Abstechern nach Kâmpuchea, das damals noch schlicht und einfach Kambodscha hieß, und nach Laos. Wir sind bei seiner Festnahme mit dabei, als er im August 1973 - als Reporter wohlbemerkt, nicht als Soldat - in Gefangenschaft der Viet Minh, die sich zwischenzeitlich Vietkong nannte, geriet.
Peter Scholl-Latour war auch Zeitzeuge der letzten Tagen Saigons. "Noch nie ist mir Saigon so asiatisch erschienen wie in diesen Tagen vor dem Fall." Ob es die "Masken der Indifferenz" der Südvietnamesen war, ihre Zerstreuung und Unachtsamkeit im Straßenverkehr - es müssen wohl kollektive depressive Gefühle gewesen sein, die sich auf die Stadt legten, damals im April. So waren denn auch "die Journalisten die letzten Kunden der Mädchen von Saigon, so etwas wie Beichtväter in der Stunde vor der großen Prüfung." Miss Saigon lässt grüßen. "Die eine gibt sich fatalistisch: 'Dann werde ich eben beim Vietkong Reis pflanzen; ich komme ohnehin vom Land.' Die zweite meint, dass sie niemals auf schöne Kleider und das leichte Leben verzichten kann, dass sie die Schmach nicht ertragen wird, und dass das Wasser des Saigon-Flusses tief genug ist, um sie aufzunehmen. Die dritte kehrt Trotz heraus: 'Als es meinem Volk materiell gut ging hier in Saigon und alle Güter zur Verfügung standen, wollte ich daran teilhaben; doch wenn mein Volk hart arbeiten muss und arm sein wird, dann will auch ich arm sein.'"
Vietnam fand auch in Folge keine Ruhe. Es waren Wunden zu lecken, gleichzeitig brachen neue auf. Zeiten der politischen Veränderungen, Zeiten der Umerziehung der Bevölkerung, Zeiten kommunistischer Renovation. Vietnam wurde sozialistische Republik und nennt sich seitdem auch so. All das im Schatten der sowjetischer Beobachtung, Anleitung und Abhängigkeiten. All das im kritischen Auge der übrigen Welt, insbesondere der anderen kommunistischen Großmacht, China, der großen Volksrepublik im Norden. Auch über die in den Vietnamkrieg mit hineingezogenen Nachbarländer Laos und Kambodscha - besonders Kambodscha - kam unermessliches Leid. Ein Völkermord unvorstellbaren Ausmaßes, begangen durch den kommunistischen Machthaber Pol Pot und seinen Schergen (Rote Khmer), in Verbindung mit Hunger und Krankheiten, dezimierte die Bevölkerung um zirka 2 Millionen Menschen. Dies und wiederholte Grenzverletzungen der Roten Khmer in Richtung Vietnam, riefen schließlich die Sozialistische Republik (Vietnam) auf den Plan, gegen die Demokratische Volksrepublik (Kambodscha). Das war Ende 1978.
Hier konnte China nicht länger tatenlos zusehen. Es gab - später als Erziehungskrieg bezeichnete - kriegerische Auseinandersetzungen, mit beidseitig hohen Verlusten, an der vietnamesisch-chinesischen Grenze. Und Peter Scholl-Latour hatte seinen dritten Indochinakrieg. "China packt die vietnamesische Schlange am Schwanz", wie Scholl-Latour so treffend zitiert. Flüchtlingsströme, übers Meer (Boat People) wie über Land, war eine weitere Folge, die ein erneutes Eingreifen der Völkergemeinschaften notwendig machten.
Peter Scholl-Latour fasst zusammen. "Dem amerikanischen Giganten waren in der Auseinandersetzung mit den gelben Zwergen von Hanoi die Grenzen seiner Macht gesetzt worden, und sein Selbstbewusstsein hatte sich von dieser Erkenntnis nicht erholt." Das Buch stammt aus dem Jahre 1979. "Der Zenit amerikanischer Weltgeltung schien nunmehr überschritten. Die Resignation Johnsons, der Watergate-Skandal Richard Nixons, die Paralyse, die sich Washingtons unter Gerald Ford und mehr noch unter Jimmy Carter bemächtigte, ließen sich recht und schlecht auf jene Demütigung zurückführen, die die kleinen grünen Männer des Vietkong dem gewaltigen Onkel Sam zugefügt hatten."
Mit großem Interesse las der hier rezensierende Cineast die Filmkritik Scholl-Latours zu dem vom Rezensenten bisher - in künstlerischer Hinsicht - als Meisterwerk betrachteten "The Deer Hunter" ("Die durch die Hölle gehen", mit Robert de Niro). Peter Scholl-Latour hat diesen Film wohl seinerzeit in Bangkok gesehen und rückte einiges zurecht, insbesondere was die - erfundene - Affinität der Vietnamesen zu Russischem Roulette betrifft. Russisches Roulette: Verständnis für Metaphern ist gefordert.