Im Oktober 1849 bricht Gustave Flaubert in Begleitung seines Freundes Maxime Du Camp zu einer Reise nach Ägypten auf, einem damals eher ungewöhnlichen Reiseziel. 28 Jahre ist er zu diesem Zeitpunkt alt, sein Jurastudium hat er bereits einige Jahre zuvor abgebrochen. Finanziell ist er durch eine frühe Erbschaft abgesichert, aber Bekanntheit als Schriftsteller hat er noch nicht erlangt. Die Expedition, zu der ihm der im Regierungsauftrag reisende Du Camp überredet hat, führt zunächst mit dem Schiff von Marseille über Malta nach Alexandria. In Ägypten angekommen, reisen Flaubert, Du Camp und ihr Diener Josef mit dem Hausboot nilaufwärts, mit längeren Aufenthalten in Kairo und Luxor, bis nach Wadi Haifa im Norden des Sudan. Übernachtet wird zumeist auf dem Hausboot, häufig aber auch in französischen Konsulaten oder Gasthäusern. Nahezu ein Jahr sollten Flaubert und Du Camp auf diese Weise unterwegs sein.
Ausserordentlich interessant liest es sich zunächst, wie sich Ägypten und seine Sehenswürdigkeiten zu damaliger Zeit präsentierten. Der Tempel von Edfu beispielsweise diente dem ganzen Dorf als öffentliche Latrine. Ein Ausflug zu den Pyramiden von Gizeh, die damals noch mitten in der Wüste lagen, war eine mehrtägige Expedition. Wo sich heute Kairos Häusermeer ausbreitet, ging Flaubert vor 160 Jahren auf Vogeljagd. In Luxor standen Wohnhäuser mitten in den Tempeln. Der Abstecher von Luxor nach Kosseir (al-Qusair) am Roten Meer war eine qualvolle zweitägige Karawanenreise. Krokodile bevölkerten den Nil bis hinunter nach Assyut. In vielen der kleineren Tempel fanden sich noch Mumien oder Teile davon, sofern sich Schakale nicht darüber hergemacht hatten. Allein diese erstaunlichen Kontraste zum Ägypten des 21. Jahrhunderts und der heutigen Art des Reisens machen das Tagebuch lesenswert.
Für Gesprächsstoff sorgt Flauberts Ägypten-Tagebuch heutzutage insbesondere aufgrund seines häufig unbewusst abfälligen "Blicks auf das Fremde". Die Tempel langweilten Flaubert, die Sklavenmärkte betrachtete er ohne Anteilnahme; im Zweifel interessierten ihn eher die Jagd oder der Zeitvertreib mit "Tänzerinnen". Flauberts Philosophieren über verschiedene Negerarten und -rassen wirkt heute befremdlich, ebenso die Betrachtung der "kleinen Negerin, die christlichen Kaufleuten aus Syrien gehört" oder des "Lümmels von einem Neger", der in europäischer Kleidung auf den Strassen Alexandrias flaniert. Man darf solche Aussagen durchaus gegen Flaubert verwenden, und vielleicht sollte man es auch. Edward Said nennt denn auch Flaubert in seinem Buch "Orientalism" als klassisches Beispiel für einen herablassenden Blick des gebildeten Europäers auf Reisen. Aber, Klammer auf, man sollte sich vielleicht auch darüber bewusst sein, dass es einen wie auch immer gearteten neutralen "Blick auf das Andere" nicht gibt und nicht geben kann. So spricht denn auch Wolfgang Koeppen in seinem sonst lesenswerten Nachwort ganz selbstverständlich von Afrika als dem "dunklen Erdteil" - Klammer zu. Was jedenfalls feststehen dürfte: Flaubert war Bourgeois durch und durch. Ein Citoyen war er nicht.
Trotz dieser Einwände besticht das Reisetagebuch durch stilistische Eleganz und die aussergewöhnliche Beobachtungsgabe Flauberts. Auch wenn die Einträge häufig nur stichwortartig oder skizzenhaft sind, so spürt man, dass hier ein Sprachfanatiker und Schwerarbeiter des Stils, ein Besessener des perfekten Ausdrucks zu Gange ist. "Die Sonne hob sich mir gegenüber; das ganze Niltal, in Nebel gebadet, schien ein weisses, regungsloses Meer, und die Wüste dahinter mit ihren kleinen Sandbergen wie ein zweiter Ozean von düsterem Violett mit lauter erstarrten Wogen." Ob sich Jahre später Monet von solchen Eindrücken inspirieren liess? Der Chirurgensohn Flaubert selbst verglich seinen Schreibstil gerne mit der Tätigkeit des Sezierens. Eine gewisse Kälte in der Beobachtung sowie eine scheinbare Teilnahmslosigkeit finden sich dabei an vielen Stellen des Tagebuchs. "Ich erstehe von Frauen zwei Haarstränge mit ihrem Schmuck; die Frauen, denen man sie abschneidet, weinen, aber ihre Männer, die sie abschneiden, erhalten zehn Piaster für jeden Strang." Wenige Jahre später sollte dieser distanzierte Stil durch den Roman Madame Bovary, den Flaubert nach seiner Rückkehr begann, Berühmtheit erlangen.
So erfreulich es ist, dass der Diogenes Verlag das Reisetagebuch vor einigen Jahren in deutscher Sprache neu veröffentlicht hat, so sehr drängt sich der Eindruck auf, er habe es sich mit dieser Ausgabe etwas sehr einfach gemacht. Die Übersetzung von E.W. Fischer aus dem Jahre 1920 wurde unverändert übernommen, und kritische Anmerkungen oder Erklärungen fehlen fast gänzlich. So wird anscheinend von einem durchschnittlichen Leser zu wissen erwartet, dass "fi leban?" übersetzt "Gibt es Milch?" heisst. Auch eine Anpassung der Schreibart von Ortsnamen (Luksor, Siut, Hedjas) oder Begriffen wie Kapitäl oder Chicheh an heute gängige Schreibweisen wäre wünschenswert gewesen. Ob es sich bei dem im Tagebuch erwähnten "Dr. Lipsius" um den Ägyptologen Richard Lepsius handelt, bleibt leider auch unklar. Zudem hätte sich mit einigen der zahlreichen während der Reise entstandenen Fotografien Du Camps sicherlich eine wesentlich ansprechendere Ausgabe realisieren lassen. Dennoch bleibt der Gesamteindruck eines bemerkenswerten Werkes eines grossen Stilisten auf Reisen.