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Reisenotizen aus Peru: Eindrücke zwischen Lima, Wüste und Chachapoyas
 
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Reisenotizen aus Peru: Eindrücke zwischen Lima, Wüste und Chachapoyas [Broschiert]

Hans Meyer

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Produktbeschreibungen

Kurzbeschreibung

Vor einem halben Jahrhundert wurde Hans Meyer für zwei Jahre nach Lima berufen. Heute ist er enger denn je mit dem südamerikanischen Land verbunden, denn dort fand er seine Gefährtin fürs Leben, Lillian, die ihm den Zugang zu den Menschen des Landes ermöglichte, zu ihrem Wesen, ihren Traditionen und Träumen. Zahlreiche Reisen und Besuche bereicherten Meyers Kenntnisse von Peru. So ist er gleichsam im Besitz eines ganz persönlichen Schlüssels, und mit seinem Buch erlaubt er nun auch einem breiteren Leserkreis Einblick in die Schönheit und den Reichtum Perus. Er verknüpft seine Geschichten und Reiseerzählungen mit hilfreichen und interessanten Hintergrundinformationen. Seine ansteckende Begeisterung und Verbundenheit lädt aufgeschlossene Leser ein, in das ferne Land zwischen Pazifik und Anden, Wüste und feucht-tropischer Bergwelt aufzubrechen.

Auszug aus Reisenotizen aus Peru: Eindrücke zwischen Lima, Wüste und Chachapoyas von Hans Meyer. Copyright © 2007. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

"Reisenotizen aus Peru"

Von den „Mitma Huancas“

Die Familie empfahl uns Touristen sehr, den „Mirador“, den Aus-sichtsplatz, aufzusuchen und bei der Gelegenheit auch das Dorf der Huancas kennenzulernen. Eine kurze Fahrt, immer ansteigend, am stillgelegten Flugplatz vorbei, über vom Regen zerfurchte und teilweise steile Feldwege, das Dorf der Huancas durchquerend, so gelangten wir schließlich an einen flachen Platz im Gelände. Hier war die begehbare Welt plötzlich wie abgeschnitten. Jenseits des breiten Nichts begann sie wieder. Die Leere war von einem gewaltigen Bruch des Hochpla-teaus verursacht worden. Das zu erkennen genügte mir. Ich hielt mich mit respektvollem Sicherheitsabstand vom sicherlich auch in die Tiefe aussichtsreichen Rande entfernt. Auf der anderen Seite eine leicht bewegte, weiträumige, grüne, waldlose Landschaft. Sie endete erst am sehr fernen östlichen Horizont.
Lillian, Pablo Sohn und Nilda dagegen gingen den Weg am Abbruch der Welt entlang bis zu einer sanfteren Schräge des Berghanges, die zu einer kleinen, balkonartigen, von der Natur geformten Terrasse hin-unterführte. Von meinem sicheren Standort aus beobachtete ich ihre vorsichtigen, hangabwärts gerichteten Schritte, bis sie endlich auf dem Balkon anhielten. Von dort aus hatten zwei Jahre zuvor auch schon unsere jüngste Tochter und die drei Enkel sowie die große Schar der Rubio-Nachkommen in die Tiefe und Weite gestaunt. Auf der be-grenzten Fläche mussten Lillian und die beiden Begleiter recht eng nebeneinander stehen! Wenn einer den anderen versehentlich anstieß? Ich wandte mich ab, ließ den Abbruch der Welt hinter mir, ging einige Schritte den Feldweg hinab und betrachtete Blumen, Gräser und Sukku-lenten. Und die Sonne, die schon so niedrig stand, dass sie die Gräser durchleuchtete. Am sehr fernen Horizont baute sich das Schauspiel des Tagendes auf. Bauschige Wolken zerfransten die Sonne zu Streifen. Die Himmelsfarben verliefen von Blau bis zu Rot.
Lillian erzählte mir anschließend voller Begeisterung, wie senkrecht steil auf beiden Seiten die zerfurchten Bergwände in den weit in der Tiefe liegenden engen Talgrund reichten, wo das Flüsschen Sonche im Grünen und zwischen Geröll in die Ferne galoppierte. Hier habe sie sich Flügel gewünscht, um die gewaltigen Ausmaße von Leere, Höhen, Tiefen und Weiten mit allen Sinnen genießen zu können. Ich hinge-gen war froh, sie auf festen Füßen wieder neben mir zu haben.
Wie wir aus befugtem Munde erfuhren, erreicht die Schlucht eine Tiefe von 1154 Metern, was mein Unwohlsein berechtigte. Ein schwindelfreier Holländer habe vom Mirador einen Stein in die Tiefe fallen lassen und aus der Fallzeit bis zum vernehmlichen Aufschlagen eine Fallstrecke von etwa 800 Metern errechnet.
Das Dorf der Huancas war ein Weiler von wenigen Häusern, deren gelbe Adobemauern in der Abendsonne leuchteten. Kirche, Schulge-bäude und eine Art von Gemeindehaus um das Geviert eines weiten Festplatzes, ihres Plaza Mayor, zeigten die Eigenständigkeit der Be-wohner. Sie leben seit Generationen abgesondert wie die Verdammten in Sibirien.
Ihre Vorfahren stammten aus dem Hochland im Zentrum Perus, rund 1500 Kilometer weiter südlich. Aus der Gegend von Jauja, die auf einer Höhe von 3000 bis über 4000 Metern liegt. Sie wurden 1460 vom genialen Feldherrn und Schlachtenführer Tupac Yupanqui be-siegt, der den Inka-Machtbereich im Auftrage seines Vaters Inca Pa-chacutec nach allen Seiten hin ausdehnte. Zur Sicherstellung ihrer Eroberungen, zur Vermeidung von Aufständen der Besiegten und zur Verbreitung und Festigung der eigenen Lebenskultur nutzten die Inka-herrscher ein drastisches Verfahren. Sie verpflanzten und entfremde-ten die rebellische Bevölkerung ganzer Ortschaften. Sie trieben die Besiegten in ihnen völlig fremde Landschaften, wo die Einheimischen und die Neulinge einander in Schach hielten. Diese Politik des Siegers war so geläufig, dass dem Namen der verpflanzten Stämme die Be-zeichnung „Mitma“, also die „Verpflanzten“, vorangestellt wurde, was sogar die Spanier in ihre Kolonialsprache aufnahmen.
Die Huancas wurden bis zum Bereich des Stammes der Chachapoya getrieben, nachdem 1475 derselbe Feldherr, mittlerweile Inkakaiser geworden (1471–1493), die Chachapoya im weiten Umkreis der heu-tigen Stadt besiegt hatte. Den Mitma Huancas wurde ein Gebiet zwi-schen den Flüssen Utcubamba und Sonche zugeteilt, wovon das Dorf Huancas und seine Bewohner übrig geblieben sind. Heute bewirtschaf-ten sie ihr Land, halten Kleintiere, sogar Rinder. Einige unter ihnen stellen Töpfe und Schalen aus roter Erde her, in winzigen und norma-len Größen. Sie sind zwar alle rund, doch sehen sie etwas ungelenk in ihren Proportionen und fantasielos in ihrer Bemalung aus, von allen guten Geistern der Vorfahren verlassen.
Anstelle der uns bekannten Drehscheibe, die mit den Füßen in rotie-rende Bewegung gebracht wird, benutzen die Huancas eine flache, run-de Tonschüssel mit niedrigem Rand und mit glattem Boden, zu Füßen der hockenden Töpferin. In die Mitte legt sie den frischen Klumpen Tonerde. Mit einer Hand formt sie von außen, mit der anderen von innen. Beide Hände bewegen gleichzeitig die sich formende Masse, die sich dank der harten, flachen Tonschüssel drehen kann.


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