Mit seinem neuen kleinen Werk hat Paul Auster wohl zunächst einmal ein Buch für sich selbst geschrieben. Vielleicht ist es auch der Versuch zu verarbeiten und zu verstehen, was mit seinem Schwiegervater geschehen ist - so verstehe ich jedenfalls die Widmung an Lloyd Hustvedt. Schon öfter ja hat Pauls Auster sich mit Geschehnissen in der eigenen Familie literarisch auseinandergesetzt.
Jedenfalls begegnet uns in jenem Mr. Blank im neuen Buch ein Stück von Paul Auster wieder, seine Ängste vor dem Altwerden und der Demenz, und eine Menge Figuren, die wir aus seinen anderen Büchern kennen.
Auster beschreibt einen Tag im Lebens dieses Mr. Blank. Er dämmert in einem von Mikrophonen und Kameras überwachten Raum vor sich hin und ergeht sich in Phantasien über den Zustand der Zimmertür. Ist sie verschlossen oder nicht ? Auf die Idee, es selbst zu probieren, kommt er nicht. Sämtliche Gegenstände sind mit Namensschildern versehen, damit er sie zuordnen kann.
Mr. Blank wird im Laufe des Tages von verschiedenen Figuren aus Austers Werk heimgesucht. Da taucht Anna Blume aus "Im Land der letzten Dinge" auf, um ihn zu pflegen, gibt ihm nebenbei eine wohltuende Masturbation, denn sein "Freund" erigiert noch bis zu drei Mal am Tag. Sie erzählt ihm, er habe sie, Anna Blume, wie so viele andere, vor Jahren als seine "Beauftragte" in die Welt hinausgeschickt, an einen entsetzlichen Ort des Todes und der Zerstörung. Aber er brauche sich keine Sorgen zu machen, es sei nicht seine Schuld, er habe nur getan was er tun musste. Ähnlich äußern sich auch andere Figuren aus früheren Büchern Austers. Da erscheint als Anwalt Daniel Quinn, jener erfolglose Detektiv aus "Stadt aus Glas", den Auster schon in "Ghosts" und dem schon erwähnten "Im Land der letzten Dinge" auftreten ließ. Noch aus vielen anderen Büchern erkennt der erfahrene Auster-Leser zahlreiche Deja-Vus.
Deshalb ist "Reisen im Skriptorium" kein für Auster-Anfänger geeignetes Buch. Doch für den schon vor Jahren in Austers Universum eingetretenen Leser ist es ein wie immer spannend konstruiertes Wiedersehen mit zahlreichen Romanfiguren.
Paul Auster hat in diesem Roman Rückschau gehalten und man wird den Eindruck nicht los, daß er selbst dieser Mr. Blank ist, in einem von Auster vielleicht in der Verwandtschaft erlebten, dementen Zustand, in dem er seine Figuren kaum mehr wiedererkennt und diese ihm berichten, was aus ihnen geworden ist.
Man könnte das neue Buch mit Fug und Recht als verstecktes Selbstporträt bezeichnen, in dem der Autor über das Nachleben seiner Figuren räsoniert und seinen eigenen Nachruhm feiert: "Unsere Geschichten werden, auch wenn wir selbst längst gestorben sind, immer weiter erzählt."
Paul Auster ist in diesem Jahr 60 Jahre alt geworden. Ähnlich wie andere Kollegen von ihm hat er mit diesem Buch begonnen, über seine eigene Vergänglichkeit, das Sterben und den Tod zu schreiben und ventiliert im Subtext die Frage, was denn bleibt vom Werk eines Schriftstellers.
Für geübte Auster - Leser ist das Buch ein großer Genuß, für Einsteiger allerdings eher ein Frust.