Fabelhaft, gleich im ersten Satz greift die Autorin die westlich-geläufige Klage auf, dass das Reisen an sein Ende gekommen sei. Dass dem nicht so ist und sich das Reisen in unserer mobilen Welt vielmehr als ein „Unterwegssein ohne Anfang und ohne Ende" abspielt, vermag Boomers soziologisch - und gleichwohl anschaulich - zu erörtern. Dazu geht sie zunächst von der Wechselwirkung zwischen touristischen Trends und populären Vorbildern im Bereich der Reiseliteratur aus. Kritisch greift sie dabei eine in der Reiseforschung immer noch kursierende Vorliebe auf, nämlich die elitäre Unterscheidung eines wahren und falschen Reisens. Diese dient aber weniger dazu, die Wirklichkeit zu beschreiben, als vielmehr den Anspruch eines privilegierten Reisens aufrechtzuerhalten - findet sich freilich aber auch in den Köpfen vieler Reisender wieder. Erfrischenderweise steht denn auch weniger die so genannte „Höhenkammliteratur" im Mittelpunkt ihrer Analyse, als vielmehr die breite Palette von Best- und Longsellern. Im ersten Teil ihrer Studie verdeutlicht Boomers, inwieweit wir im Zeitalter des globalen Kapitalismus in einer »Gesellschaft der Reisenden« leben, uns also dank der Werte: Mobilität! Veränderung! Flexibilität! auf einer quasi „unendlichen Fahrt" befinden. Hier wird aus einer gesamtgesellschaftlichen Perspektive die Problematik von Mobilitätslust und Mobilitätszwang mit ihren Auswirkungen auf zeitgenössische Identitätspraktiken, auf Arbeits- und Lebensverhältnisse sowie die aktuellen Tendenzen des Reisemarktes analysiert.
Der Schwerpunkt des Buches widmet sich allerdings Experten der Fernweh-Erzeugung: Isabelle Eberhardt, Bruce Chatwin und - überraschend, doch gänzlich überzeugend - Reinhold Messner. In dichter Form und mit leichter Hand beschreibt Boomers Texte und Leben dieser „notorisch Reisenden", ihre Lust und Qual an der selbstauferlegten Mobilität, ihre Erprobung, Inszenierung und Vermarktung alternativer Welt- und Selbstdeutungen und schließlich ihre Lösung, unsere typisch moderne Unbehaustheit zu einer Identität als Nomade zu wenden. Diese Metapher einer nomadischen Existenz, die derzeit in der Alltags- und Urlaubswelt, den Medien und den wissenschaftlichen Theorien Konjunktur hat, erschließt Boomers als einen doppeldeutigen Schlüsselbegriff. Wer an der Komplexität unseres Reisebegehrens interessiert ist, wird hier verblüffende Erkenntnisse in finden.