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Reisen im Rückwärtsgang: Zwei Dichter unterwegs mit der Transsibirischen Eisenbahn
 
 
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Reisen im Rückwärtsgang: Zwei Dichter unterwegs mit der Transsibirischen Eisenbahn [Gebundene Ausgabe]

Kurt Drawert , Blaise Cendrars

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Aus der Amazon.de-Redaktion

Als der Lyriker und Essayist Kurt Drawert 1999 in Moskau in die abgetakelte Transsibirische Eisenbahn stieg, um die 10.000 Kilometer Schienenweg ans andere, fremde, asiatische Ende der Welt nach Peking zu befahren, war der berühmte Schriftsteller Blaise Cendrars schon längst in der nebligen Ferne angekommen. Cendrars hatte 88 Jahre früher auf dem Bahnhof von Sankt Petersburg gestanden, um in nagelneuen Waggons nach Wladiwostock zu gelangen. Anschließend hatte er Die Prosa von der Transsibirischen Eisenbahn und der Kleinen Jehanne von Frankreich im Gepäck, die den endlosen Rhythmus des tuckernden Zugs ins gemessene Stakkato von Dichtung überführt -- und damit "die dunkel verworrenen Texte der Räder entziffert".

In Reisen im Rückwärtsgang ist Drawert nach dem Willen der Herausgeber vor Cendrars gestartet: Sein kluger Essay Nach Osten ans Ende der Welt eröffnet die schöne Lektürefahrt, bevor nach knapp 100 Seiten Cendrars Prosagedicht angekoppelt wird. Anders als bei der Fahrt nach Sibirien gibt es hier allerlei markante Höhe- und Orientierungspunkte zu entdecken: eine raum-zeitlose Reise, bei der sich geografische Marksteine in der Innenlandschaft zweier Dichter verlieren. Am Ende der Welt wartet das eigene Ich, das sich im Ich des jeweils anderen spiegelt. "Der Zug geht vor, und die Sonne geht nach", heißt es bei Cendrars, und Draewert antwortet: "Ich weiß, daß ich in dieser Landschaft niemals ankommen werde, heute nicht und morgen nicht und nie".

Einmal liest Draewert in Gerd Ruges Sibirischem Tagebuch, das ihm "auf sympathische Weise erzählt, wie jemand auf derselben Strecke in einem anderen Land gewesen ist". Näher als in Reisen im Rückwärtsgang hingegen sind sich zwei Autoren bei ihrer zeitverschobenen Reise durchs russische Niemandsland wohl selten gekommen. --Thomas Köster

Neue Zürcher Zeitung

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Die Orte der Kränkung aufsuchen

Kurt Drawerts Prosa und Essays

Einen Schritt vor die Haustür – dort beginnt die Fremde. Man muss nicht erst mit der Transsibirischen Eisenbahn reisen, um sich als Ausländer zu fühlen. Ein paar Tage an der Elbe tun es auch. Anscheinend herrscht Krieg diesseits und jenseits des Stromes. Doch der Grund liegt tiefer, am Verlust des Übervaters in Gestalt des Staates, am Mangel an Sprache und daran, dass – so jedenfalls der «Ostwessi» Drawert – «der Gefühlshintergrund der Gespräche und Begegnungen zwischen Ost- und Westdeutschen die Scham gewesen ist, die Scham der Erniedrigung und die Scham der Privilegiertheit». Nun aber, da wir uns einig sein müssen, wo früher Distanz und ideologische Abgrenzung Identität leichter machten, kochen Empörung und alte Ressentiments hoch. Nicht nur hier, nicht nur an dieser ehemaligen Grenze.

Kein Wunder, dass es ziemlich unromantisch zuging auf der Spazierfahrt von Pirna nach Aussig, die Kurt Drawert vor zwei Jahren in seine ehemalige Heimat unternahm. Jedenfalls erinnerten Dumpfheit, Larmoyanz und Vorurteile den Reisenden in vielem an das «andere Leben», damals in der DDR, an die Ausgrenzung als Intellektueller, die Fabrikarbeit inmitten misstrauischer Kollegen, an das ständige Nur-nicht-Auffallen!, das die Bequemlichkeit der Unmündigen auf seiner Seite hatte. Und heute? Da ist die Pension Elbblick ein trostloser Nicht-Ort (kein Versprechen, kein Märchen oder höchstens das vom Niedergang Stolzenhains) und die neuen Länder, wenn schon kein kollektives Gefängnis mehr, so doch immer noch ein Gebiet, wo ein dumpfes Nibelungenheer nach Schätzen wühlt: kopflos, angepasst, restriktiv.

Rückseiten der Herrlichkeit

Es sind solche buchstäblich erfahrenen Konfrontationen mit der eigenen und kollektiven Geschichte, in denen die Albträume wurzeln, denen Drawert in seinen Essays, vor allem aber in seiner erzählerischen Prosa nachspürt. Geschichten um die Mitleidlosigkeit und die Erbärmlichkeit des Lebens, denen wir als Mitreisende gerade dann gebannt folgen, wenn in den fiktionalen, ja surrealen Texten die Metaphern von den «Rückseiten der Herrlichkeit» oder dem «Reisen im Rückwärtsgang» als Erfahrungen eines ganz konkreten «Existenzlebens» erkennbar werden.

Gleich drei Bücher Kurt Drawerts erschienen in diesem Frühjahr, eines Autors, den zu entdecken dem Leser an dieser Stelle dringend angeraten sei: vermischte Prosa bei Suhrkamp, erzählerische Texte in der limitierten Ausgabe des Verlages Korrespondenzen (mit Photographien von Ute Döring) und – im Verein mit Blaise Cendrars' Erzählgedicht von der Transsibirischen Eisenbahn und der Kleinen Jehanne von Frankreich – ein weiteres Mal die auch im Suhrkamp-Bändchen veröffentlichte Reiseprosa «Nach Osten ans Ende der Welt». Die Parallelaktion hat ihren eigenen Reiz. Aus den unterschiedlichen Kontexten entstehen Reibungen und Korrespondenzen – nicht nur zwischen Fremdem und Eigenem, Erlebtem und Imaginiertem, sondern auch zwischen Präsentation und Inhalt. Unwillkürlich werden wir zur nötigen Distanz aufgefordert, wenn wir die von Gewalt, Sadismen und Schmutz starrenden Geschichten aus «Nacht. Fabriken» in einer schönen, bibliophilen Ausgabe in den Händen halten oder unser Blick zwischen der «satten» Präsentation der Reiseprosa bei Arche und der eher leichtfüssigen bei Suhrkamp hin und her wandert.

Gerade solche Interferenzen und Grenzgänge aber sind die Sache Drawerts, der das subtile Gestalten des «Dazwischen», des Widerständigen und Verunsichernden virtuos beherrscht. Der Nährboden, auf dem eine solche Sicht der Welt entsteht, sind Zweifel; Zweifel an der Sprache, am Ich, ob der «Nutzlosigkeit seiner Arbeit». Keineswegs blosse Rhetorik ist es, wenn in einer der Geschichten der Erzähler darüber nachdenkt, «dass ich das Schreiben aufgeben werde eines Tages, auf den ich mich schreibend vorbereite, auf den ich mich schreibend hinbewegte, den ich ersehnte». Drawerts Prosa macht mit ihrer eigenen und unserer Gefährdung Ernst.

Ob als Reisender, als Lesender oder als Schriftsteller, Drawert ist in allen seinen Texten auf der Spur von dem, was sprachlos macht. So wird Schreiben ein Sichwehren gegen das Verstummen, Zeugnis der Ratlosigkeit, die gleichwohl Antworten vorzuziehen ist, weil sie unseren Möglichkeitssinn offen hält, uns erinnert, wo Vergessen droht. Der Besuch in Auschwitz gehört dazu (nein, kein Besuch! – ein plötzliches Bewusstwerden des Da-Seins an dem Ort der Vernichtung, Oswiecim), die Begegnung mit dem sterbenden Freund, angesichts dessen die Rede von der «Krankheit» (war er nicht lange der einzige Leser, dessen Körper ähnliche Verletzungen aufwies wie die vivisezierten Texte?) radikal aufhört, Metapher zu sein. Und vielleicht ist es ja vor allem der Luxus der Selbstversenkung in ein Gedicht, die Musse, was einen heutzutage vor allen anderen zum Ausgestossenen macht.

Was der in Darmstadt lebende 45-jährige Autor zu erzählen weiss, gehört zum Riskantesten, Verstörendsten und – man muss es im gleichen Atemzug sagen – zum ästhetisch Herausragendsten, was unsere derzeitige Prosa zu bieten hat. Drawert ist ein Meister im Aufspüren von Ressentiments, unterschwelligen Aggressivitäten, menschlichen Verstrickungen. Da steuert einer nicht nur in seinen Albträumen scharf am Abgrund vorbei. Selbst das eher hoffnungsfrohe Reisethema zeigt sich von hier aus als Versuch, dem Befremdlichen in und um uns Gestalt zu verleihen, als schmerzhaftes Selbstexperiment, die «Orte ehemaliger Kränkung wieder aufzusuchen».

Der Schweizer und Wahlfranzose Blaise Cendrars notierte 1913: «Ich bin immer unterwegs gewesen» . . . «in einer Reisedecke / Buntscheckig / Wie mein Leben», und die Träume über Patagonien und die Südsee, an die er selbst nicht glauben konnte, begleiteten seine abenteuerlichen Wanderungen. Geistesverwandtschaften.

Sinnlichkeit

Auch Drawert kennt diese Vergeblichkeit und das Ungenügen am Schreiben. Aber gerade weil der Autor skrupulös um Worte ringt, werden seine Texte so glaubwürdig und appellativ (er selbst bezeichnet sich einmal als ein hoffnungslos nachhinkender Dinosaurier angesichts seiner «moralitären Weltvorstellungen»). Diese Prosa ist immer dann am überzeugendsten, wenn sie sich auf unsicheres Terrain begibt. Auch in der Sinnlichkeit ihrer Bilder. Ein Ringen um Sprache angesichts dessen, was einem die Sprache verschlägt; Geschichten, die erzählen, dass das Schreiben seine Verständigungsschwierigkeiten im Gepäck hat, sie für den Autor Fremdsprache bleiben muss («Scusi, non parlo italiano»).

Wer die Verunsicherung durch das geschriebene Wort liebt, der wird von Drawerts Texten in den Bann gezogen, jenen, die von der Mühe des Erzählens künden, und jenen, die uns durch ihr Verschwiegenes ansprechen. Es stimmt schon: «Sehen ist kein Zustand, sondern eine Entscheidung» . . . «Die Dinge aber, die angeschaut werden, schauen zurück an der Stelle, an der wir blind für sie sind. Und sie sprechen, wo eine Antwort unerwartet war.»

Iris Denneler


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