Münzen hinter Glas. Scherben in Vitrinen. Antikes Werkzeug in den Museen dieser Welt. Geht es noch langweiliger? Pfeile, Bögen, Schwerter - die Nachfolger der steinzeitlichen Keulen. Gefunden, ausgebuddelt und gehoben. Gesammelt, verschifft und verfrachtet. Archiviert und exponiert. Kleine und große Findlinge vom Anfang der Geschichte.
Diese Dinge, Gegenstände und Objekte, Güter und Stücke, Waren und Vasen, Kochgeschirr und Speisereste, Spielzeuge und Schmuckstücke, Knochen, sie alle auf Zeitreise gebracht, eine Wissenschaft - die Archäologie - zweckdienlich als Katalysator und Zeitmaschine eingespannt, schickt jene historischen Hinterlassenschaften auf die "Reisen an das Ende der Geschichte". Vom Anfang der Geschichte an das Ende; wobei es die Gegenwart - nicht die Zukunft - ist, die das Ende darstellt. Das Ziel ist Wissen um das Leben der Menschen und die Erkenntnis darüber, wie sie lebten, in jenem Leben vor dem Leben, wie wir es heute leben. (Das Leben, wie wir es heute leben, möge allerdings - Gott behüte! - doch bitte noch lange nicht das Ende der Geschichte darstellen. Insofern ist der deutsche Titel - handeln die Sujets des Buches doch eigentlich vom Anfang der Geschichte und nicht von ihrem Ende - unpassend und schlecht gewählt. Der Originaltitel "The Futur of the Past" ist wesentlich verbindlicher.)
Genau genommen behandelt das Buch des amerikanischen Autors Alexander Stille nicht irgendwelche antike Begebenheiten der Weltgeschichte, sondern die Geschichte der Archäologie und deren Facetten: souverän und mit großen Sachverstand, im publizistischen Stil des Journalisten Stille. In elf Kapiteln, eingebettet zwischen einer Einleitung und einem Schluss, führt er uns auf interessante Pfade und zum Teil auch in entlegene Ecken unserer Welt.
Spannung versprechen - und halten - Kapitel wie "Die Rückkehr der verschollenen Bibliothek" (Alexandria) und "Das Rätsel um die Vatikanische Bibliothek". Die in China allseits beliebte Vervielfältigungsleidenschaft von geschützten, teilweise auch einmaligen eigenen - vielfach auch fremden - Kunst- und Kulturschätzen (bis hin zu geistigem Eigentum), behandelt das mir nachhaltig in Erinnerung gebliebene Kapitel "Die Kultur der Kopie und das Verschwinden der chinesischen Vergangenheit"; später im Rahmen eines Nachdrucks wiederbegegnet und erneut gelesen im GEO-Special China (Gruner + Jahr, Hamburg 2003). "Geschichtsplünderung" behandelt das teils schon mafiös durchgeführte Ausbeuten antiker Ausgrabungsstätten in Italien - ein Sport, an dem sich neuerdings, wie wir zwischenzeitlich wissen, sogar Staat und Ministerpräsident (Signore B.) beteiligen.
Die Archäologie, oftmals als ein Fahnden, Suchen, Graben nach und Abtragen von materiellen Hinterlassenschaften des Menschen der Antike gesehen, war im Auge des Rezensenten bisher so etwas wie der handwerkliche Teil der Geschichtsforschung. Doch Stille dehnt den Begriff weit darüber hinaus aus: auf immaterielle Teile der Altertumskunde, wie Leben, Sprache, Erinnerung und Artenschutz.
Der Archäologie geht es immer um den Menschen. Das unterscheidet sie von der Geologie, bei der u.U. - zwar mit ganz anderer Zielrichtung und in anderen Dimensionen - auch gegraben und abgetragen wird. Schon die Brockhaus-Ausgabe von 1911 (Kleines Konversations-Lexikon) definierte die Archäologie als die "Erforschung des Altertums eines Volks, seiner Geschichte, Sitten und Gebräuche, somit gleichbedeutend mit Altertumskunde, insbes. Erforschung der aus dem Altertum auf uns gekommenen Denkmäler, namentlich der Kunstdenkmäler."
"Wenn alle Wälder schliefen," schrieb vor fast 200 Jahren Joseph von Eichendorff, "Er an zu graben hub, / Rastlos in Berges Tiefen / Nach einem Schatz er grub." Auch diese Abgrenzung gilt es klar zu machen: Mit Schatzsuche hat Archäologie nichts zu tun. Doch sind die Grenzen oft nicht klar gesteckt: siehe das Gebaren der Italiener in den letzten Jahren (wie oben schon angedeutet); siehe den massenhaften Abtransport von antiken Kunstschätzen und die Einrichtung von Museen und Antikensammlungen in Städten, vornehmlich Hauptstädten, im Norden Europas, in den vorigen Jahrhunderten.
Die Idee zu diesem Buch hatte Alexander Stille - ja wo denn wohl? - in Rom, "einer Stadt, in der die physischen Überbleibsel der Vergangenheit allgegenwärtig sind." Rom! Ägypten ("Die Sphinx - virtuell und real"), Indien ("Das nächste Leben des Ganges"), Somalia ("Zurück in die Zukunft") sind nur drei der weiteren Stätten der Recherchen des Autors. Und immer geht es um Verständnis. Und darum, das Verständnis zu verstehen. "Bei dem Projekt habe ich von vornherein vermieden, eine bestimmte These oder Prognose aufzustellen, weil sich aus einem solchen Ansatz, so meine ich, zwangsläufig ein eher tendenziöses Buch entwickelt hätte (...)."
Noch immer langweilig? Oder fasziniert? Fasziniert von was? Vom Buch? Oder in Sonderheit von der Archäologie höchstselbst? Es muss einem ja nicht gleich so gehen wie dem Lenchen, über die Theodor Däubler (1876-1934) seine Maja in dem Roman "Die Göttin mit der Fackel" sagen lässt, der Herr Zapf hätte erst einmal "Lenchen so gründlich für Archäologie interessiert, dass sie schon von Statuen träumt." - Antike Träume. Moderne Träumer. Und was ist es, wovon Alexander Stille träumt? Von einer kleinen Reise, wie sich Däublers Buch im Untertitel nennt ("Die Göttin mit der Fackel - Roman einer kleinen Reise"), von vielen kleinen "Reisen an das Ende der Geschichte"? Mitzureisen ist keine Zeitverschwendung.