Vertrauend auf die Qualität von früher erworbenen Marco Polo Kompakt-Reiseführern (z. B. den der Stadt Rom) erwartete ich auch von dem soeben erworbenen Führer "Toscana" (Autor: T. Migge) hilfreiche Kurzinformationen zur Reiseplanung, treffsicher dargeboten in der bewährten, gut strukturierten und übersichtlichen Marco-Polo-Weise. Leider wurde ich gründlich enttäuscht.
Was ist zu bemängeln?
Wahrscheinlich, weil in der Vergangenheit bei intensivem Gebrauch sich hin und wieder einige Seiten der Klebebindung der Marco-Polo-Führer gelockert haben, praktizierte man bei dieser Ausgabe das Prinzip der Verschlimmbesserung. Der Führer vermittelt nun einen sehr starren Eindruck. Beim Öffnen muss man die Seiten mit sanfter Gewalt aufbiegen. Dort, wo die Seiten in den Bund zusammen laufen - besonders im Kartenteil - kleben die Seiten derart dicht aneinander, dass jeweils 3-4 mm links und rechts vom Bundfalz überhaupt nichts mehr entziffert werden kann, es sei denn, man zerlegt die Seiten mit Brachialgewalt. Entsprechend gefleddert und strapaziert sieht das Büchlein dann schon bei nur kurzem, aber intensivem Gebrauch aus.
Am verheerendsten kontraproduktiv ist jedoch der Eindruck eines grellen und brutalen Buch-Layouts, das durchgängig im ganzen Buch verwirklicht wurde. Knallige Farbbalken allerorten und zumeist funktionslos und ohne Sinn und Verstand zerstören die Lesbarkeit und den Textfluß. Auf Farbflächen, mit denen Text unterlegt wurde, hat sich der Buchgestalter zuweilen in Form von verspielten kryptischen Zeichen und kaum lesbaren Texten verkünstelt (Beispiele: S. 73, 93). Die Leichtigkeit der Buchgestaltung bei früheren Marco-Polo-Führern, wo farbige Unterlegungen ausgewählter Textblöcke, sparsam eingesetzt, noch auf wichtige Details hingewiesen haben und mit der Marco-Polo-Philosophie der schnellen, übersichtlichen und prägnanten Information im Einklang standen, ist dahin gegangen. Ganz missraten ist auch die Typografie des Buches, die viel zu unruhig und zu unübersichtlich gestaltet wurde (Negativbeispiele: die Eingangsseiten der Übersicht auf S. 2-3; das zu klein gedruckte Register S. 144). Die im Toskana-Führer durchgeführte Buchgestaltung erinnert an die Totschlag-Layouts von grellbunten Werbezetteln mancher Supermärkte, die man als lästige Plage in seinem Briefkasten finden kann.
Manche Fotos im Reiseführer könnten als Allerweltsbilder in ihrer Beliebigkeit von Überall stammen, zusammen mit den jeweils schlichten Unter- oder Überschriften (die aufdringlich als weiße Schrift in dickem Farbbalken stehen) vermitteln sie nur mäßige Weisheiten. Nur zwei Beispiele: S. 81, Foto: Blaue Trauben am Weinstock; Bildunterschrift: "Leben zwischen Reben: In Chianti bestimmt der Wein Jahresrhythmus". Oder: S. 108, Foto: Kräuter unter einem Wiegemesser; Bildunterschrift: "Für Freunde des Schnippelns ist ein Kochkurs erste Wahl". Mehr Toskana-Authentizität wäre angebracht und weniger Allerweltsphrasen, wie wir sie sattsam bekannt aus den Werbeprospekten der Tourismusindustrie kennen.
Außerdem fällt die Zunahme von Werbeseiten penetrant ins Auge. Auf der inneren Umschlagseite des vorderen Buchdeckels - bei den Marco Polo Führen schon immer für dezente Werbung reserviert, meist für die des Falk-Verlages - prangt hier eine ins Auge springende Anzeige, die auf den ersten Blick für Damenunterwäsche wirbt, bis man bei genauerem Hinsehen bemerkt, dass die gebräunte Schönheit einen weißen Bikini trägt und nur für Sonnenöl Reklame macht. Unverschämte Werbung auch im Buch (S. 137, 146), sogar auf den Doppelseiten S. 124-125. Selbst der vordere Buchdeckel, eigentlich die Paradeseite eines Buches, ist durch Werbung verunstaltet (akzeptabel: jene für Marco-Polo, eventuell noch zu ertragen: das dezente Logo für Holiday Autos rechts unten; absolut inakzeptabel: das product-placement für die "Cowboys der Maremma" und für die "Palazzo-Hotels", dargeboten als Subtitel des Buches). Auch fragt man sich, was das Pseudo-Interview mit dem Autor auf Seite 147 im Reiseführer zu suchen hat (Bla-Bla-Fragen, z. B. was er in seiner Freizeit treibt, etc.). Etwas weniger Aufdringlichkeit, etwas mehr Bescheidenheit, dafür aber mehr Kompetenz und weniger Schludrigkeit wäre hier besser. Schließlich tragen wir diese gut bezahlten "Informationen" bei unserer Toskana-Reise ständig mit uns herum und vertrauen ihnen in der schönsten Zeit des Jahres, unserer Urlaubszeit.
Ich habe mich im Nachhinein geärgert, für dieses Druckwerk Geld ausgegeben zu haben.