Aufgrund meiner Arbeit in der Textilindustrie erweckte dieses Buch mein Interesse. Daß man die Zusammenhänge einer globalisierten Weltwirtschaft wie auch der Wirtschaftsgeschichte derart plastisch und konkret darstellen kann, hätte ich kaum geglaubt.
Teil 1 zeigt im Stil von Reportagen, wie strategische Wettbewerbsvorteile entstehen und dazu beitragen, auch in Hochlohnländern wie den USA erfolgreich Agrarprodukte anzubauen. Nebenbei lernt man, welchen „Nutzen" die Sklaverei für die Farmer der Südstaaten hatte und warum die Befreiung der Sklaven nach dem Bürgerkrieg den Betroffenen doch kaum was brachte. Weil man an liebgewonnenen Traditionen zu lange festhielt, verlagerte der Baumwollanbau sich nach Texas, obwohl dort nur minderwertigere Baumwolle angebaut werden kann als entlang eines schmalen Streifens der Atlantikküste.
Teil 2 wirft einen interessierten und vorurteilslosen Blick auf die nach westlichen Vorstellungen unmenschlichen Arbeitsbedingungen der chinesischen Arbeiterinnen in den dortigen Strickereien und Nähfabriken. Für vom Land wegziehende junge Chinesinnen ist die unmenschliche Fabrikarbeit ein Akt der Emanzipation. Die Autorin belegt mit Beispielen aus der Industrialisierung Europas und Amerikas, dass sich in China nur das wiederholt, was vor einigen Jahrhunderten den wirtschaftlichen Aufstieg des Westens einleitete. Demnach sollte die Entstehung höherwertiger und -qualifizierter Jobs in China auch eine mittelfristige Option sein - bleibt nur die Frage, wer dann unsere billigen Textilien herstellen soll.
Teil 3 geht auf den Lobbyismus der amerikanischen Textilindustrie ein. Hier hat das Buch für Ausländer einige Längen, zumal die Anzahl der erwähnten Lobbygruppen bald unüberschaubar komplex wird. Interessant ist die Erläuterung der unbeabsichtigten Effekte, die durch Quotenregelungen für Textilimporte und den Handel mit Lieferzertifikaten erzielt werden.
Teil 4 zeigt dann, was mit den abgetragenen T-Shirts der Wohlstandsgesellschaftsbürger passiert, wenn sie in der Altkleidersammlung landen. Es wird der Weg über Sortierstationen in den USA (ähnliche Einrichtungen gibt es auch in Europa zuhauf) bis auf die Gebraucht-T-Shirt-Märkte in Schwarzafrika beschrieben. Nicht nur die Tatsache, dass der Gebrauchtkleiderhandel das Erstarken eigener Industrien verhindert, sondern auch die Einkommensmöglichkeiten durch den Handel mit Altkleidern finden Erwähnung.
Das Buch würde sich gut für die Entwicklung von Workshops in denen man das Funktionieren der Weltwirtschaft erarbeiten kann, eignen. Der interessierte Leser erfährt nebenbei viel über Innovationsmanagement, Strategien, Geschichte und Politik. Und das alles anhand eines Alltagsproduktes, mit dem jeder schon mal in Berührung gekommen ist, weshalb man auch schnell Zugang zu den Gedanken der Autorin findet.
Pietra Rivoli gelingt es , eine objektive Betrachtung vorzulegen. Eine Empfehlung, ob man manche Entwicklungen zu Recht verdammen oder gutheißen soll, spricht sie nicht aus. Der Leser soll sich anhand der präsentierten Informationen selbst ein Urteil bilden.
Dem deutschen Übersetzer hätten profundere Kenntnisse in Textiltechnologien nicht geschadet. Manche Begriffe sind falsch übersetzt, aber das wird nur dem Fachmann auffallen und schmälert kaum das kurzweilige Lesevergnügen.