Rammstein; keine deutschsprachige Band hat wohl je so polarisiert wie sie; und war dabei erfolgreicher.
Das wird sich auch mit ihrem vierten Album „Reise, Reise" nicht ändern, dafür hat die erste Single des Albums „Mein Teil" quasi im Alleingang gesorgt, deren plakative Provokation für meinen Geschmack doch etwas zu durchschaubar war.
Musikalisch bewegen sich Rammstein auf gewohnt hohem Niveau. Die Gitarrenarbeit ist auch auf „Reise, Reise" wieder herausragend, das Songwriting überzeugt.
Das Album wirkt deutlich homogener als die letzten drei Cd' s der Band, leider auch glatter und unaufgeregter. Songs wie „Mein Herz Brennt" , „Ich will" „wollt Ihr das Bett in Flammen sehen" oder „Asche zu Asche" sucht man vergebens . Die Songauswahl hat sich offensichtlich an deren Charts- Tauglichkeit orientiert. Was nicht nur von Nachteil sein muss, wie Rammstein hier eindrucksvoll beweisen. Das Album ist reich an Höhepunkten. Der Titeltrack, „Dalai Lama", „Los" „ Moskau", „Amour" „keine Lust" sind ausgezeichnete Songs. Mit „Ohne Dich" hat die Band sogar eine Ballade mit an Bord, die wirklich überzeugen kann ( was bisher ja nicht unbedingt der Fall war)
„Reise, Reise" hat praktisch keinen Durchhänger ( ein Umstand den man sich seinerzeit bei „Sehnsucht" gewünscht hätte), dafür haben Rammstein ganze Menge Ohwürmer produziert.
Beinahe beiläufig überrascht das Album zudem vor allem in textlicher Hinsicht. Der recht eigenartige Humor der Band kommt zum ersten Mal wirklich auf den Punkt und versprüht einen von der Band bisher unbekannten Esprit und Charme. Natürlich sind die Lyrics noch immer Geschmackssache - die peinlichen Momente haben Rammstein mit diesem Album jedoch offenbar überwunden. „Dalai Lama" etwa ist eine Anspielung auf den „Erlkönig" von Goethe. Das Thema allein wäre schon bemerkenswert gewesen, umso überraschender ist die Tatsache, dass das Experiment funktioniert. Der Text ist überaus intelligent umgesetzt und funktioniert fabelhaft. Abgesehen von „mein Teil" und „Stein um Stein" gilt dies im Prinzip für alle Songs des Albums.
Fazit: Ich bin restlos angetan von diesem absolut gelungenen Album. Auch wenn ich die Intensität, die dem Album „Mutter" zu eigen ist auf „Reise, Reise" schmerzlich vermisse: Das Warten hat sich gelohnt.
Rammstein haben in der Tat ihr bis dato bestes Album vorgelegt.