Über das Buch "Die Vermessung der Welt" von Daniel Kehlmann war ich neugierig geworden, wie denn Alexander von Humboldt selbst seine Südamerika-Reise beschreibt. Eine schöne Auswahl aus den tausenden Seiten seiner Reisebeschreibung ist diese im Göttinger Lamuv-Verlag 1990 herausgegebene und von allzu langatmigen wissenschaftlichen Exkursen bereinigte Fassung, die von der Abreise im spanischen La Coruna Juni 1799 bis zur Überfahrt nach La Habana auf Cuba Dezember 1800 reicht.
Seine "Eroberung" der venezuelischen Küste, Savanne und des Orinoko-Dschungels war eine zur Vermehrung seines enzyklopädischen Wissens, ermöglicht durch den Antritt eines Erbes und somit von ihm selbst finanziert. Sie wollte gerade nicht ausbeuten, wenn sie sich auch in vielen Details der Arbeitskraft aber auch des Wissens der eingeborenen Indios bediente. Unglaublich vielverzweigt interessiert er sich zwar für das Einzelne, unternimmt aber immer auch eine Zusammenschau, er erkennt die einzelnen Pflanzen, ordnet sie im Vorkommen aber zugleich in Klimate ein, damit Pflanzengeografie treibend. Er erkennt Unterschiede im Sprachgebrauch von männlichen und weiblichen Stammesangehörigen und stellt sie in den Zusammenhang von Verschleppung der Frauen bei der Eroberung gegnerischer Stämme. In einer Zeit, da Sklaverei noch an der Tagesordnung sogenannter "zivilisierter" Völker steht, schreibt er Sätze wie diesen beim Anblick der Schwermut bannenden Orte Teneriffa und Madeira: "Solches wirkt nicht allein die herrliche Lage und die reine Luft, sondern vor allem das Nichtvorhandensein der Sklaverei, deren Anblick einen in beiden Indien so tief empört, wie überall, wohin europäische Kolonisten ihre sogenannte Aufklärung und ihre Industrie getragen haben." Aber auch andere ökologische Aspekte, etwa zu Nachteilen der Brandrodung, kommen immer wieder zur Sprache und machen die Lektüre absolut lohnend.
Schließlich werden aber auch die Strapazen dieser Flußreise zum Aufdecken der lange vermuteten Verbindung von Orinoko im spanischen und Amazonas im seinerzeit verfeindeten portugiesischen Machtbereich anschaulich genug geschildert. Was für ein Idealismus muß in diesem Menschen gewaltet haben, sich über so viele Wochen ohne viel Bewegungsmöglichkeit auf den Kanus der Indios durch Myriaden von Stechmücken zu quälen, wie nach ihm andere Urwaldforscher, etwa Alfred Russel Wallace!
Schade an der allerdings auch preiswerten Ausgabe ist der Mangel an Bildern oder Skizzen zur Reise. Manche der geschilderten Pflanzenschönheiten lassen sich gottlob mit Nutzung des Internets rasch nachschlagen, und ein Atlas von Venezuela lag bei der Lektüre immer griffbereit. Das Buch hat viele Leser verdient, denn Humboldt war ein ungemein faszinierender Mensch, Humanist und Wissenschaftler. Im Nachwort wird Goethe über ihn zitiert: "Man könnte in acht Tagen nicht aus Büchern herauslesen, was er einem in einer Stunde vorträgt"... (25.05.06)