"Als der Krieg Hals über Kopf aus dem Land mußte, ließ er aus Vergeßlichkeit ein Barackenlager mit Russen am Zipfel der Ausstellungsstraße im Prater liegen." -- Wenn ein Feuilleton- und Reportagenband einen solchen Raketenstart hinlegt bei einem Bericht vom 4. April 1920 aus einem gottverlassenen Wiener Gefangenenlager, und wenn alle Texte darin von Joseph Roth stammen, dann können die Erwartungen garnicht hoch genug sein. Roth ist hier ganz in seinem Element als wortgewaltiger scharfer Beobachter mit untrüglichem Instinkt fürs skurrile und fürs repräsentative Detail, das seine Berichte und Reportagen anschaulich und mitreißend macht.
"Reise nach Rußland" umfasst drei Teile: Circa 100 Seiten verstreut erschienene Texte über das "neue" Russland nach der Oktoberrevolution aus den Jahren 1919 bis 1930, mit viel Scharfsinn, Witz und Pfeffer über das Russlandbild in Europa. Manches erinnert an Szenen aus
Karl Kraus' "Die letzten Tage der Menschheit"; auch bei Roth scheitern hehre Parolen an der harten Wiener Vorstadt-Realität und anderswo. Allgegenwärtig ist Roths Wortwitz, beispielsweise wenn der russische Oberstleutnant im Exil, bzw. im Asyl lebt -- genauer gesagt: im Berliner Obdachlosen-Asyl.
Was Roths "Reise nach Rußland" beispielsweise von
Kischs oder
Benjamins Russlandberichten jener Zeit unterscheidet, kann man bereits seinen Feuilletons über die Russland-Rezeption seiner Zeit entnehmen: In seiner "Sowjetausstellung in Berlin" liest man nicht die Sowjetunion-Begeisterung vieler anderer namhafter Schriftsteller der frühen 20er Jahre, sondern eine kritische Bestandaufnahme: "Die Ausstellung vermittelt nicht 'anschaulich'. Sie vermittelt Anzuschauendes." Das hieße aber nun wieder nicht, dass Roth sich von der Rechten vereinnahmen ließe; dazu ist er auch hier viel zu sperrig und zu klug, und wenn er die "Ukrainomanie" als "Berlins neuste Mode" nach Strich und Faden auseinandernimmt und süffisant die Kriterien darlegt, nach denen Völker en vogue oder passé sind, dann hat man was für die Ewigkeit: "Die Polen sind schon zu verwestlicht, auch von den Griechen weiß man bereits Genaueres, [...] daß auch griechische Könige vom Affen gebissen werden können [...]. Rußland ist durch die zahlreichen deutschen Auswanderer und Kriegsgefangenen bereits ein heimischer Begriff, für Varieté und Operette also nicht mehr zu gebrauchen. Bleibt die 'Ukraine'." -- Manches hat sich tatsächlich seit 1920 nicht verändert... Die Nationen sind austauschbar, doch die Formel scheint mir in der Erden fest gemauert.
Freilich sollte man Roth nicht lesen wie die Bibel; auch Roth ist nicht unfehlbar, und zwar nicht nur, wenn er der "unbestechlichen Redlichkeit des photographischen Apparates" unbedingte Glaubwürdigkeit (anlässlich von Lenins Staatsbegräbnis) bescheinigt und einige Absätze später einen ernstgemeinten und höchst erheiternden Ausflug in Sachen "Lenin und Goethe" unternimmt. Entschädigt für (seltene!) Bauchlandungen wird man ohnehin mehr als genug: durch impressionistisch wirkende Stimmungsbilder etwa aus dem verschneiten Leningrad oder kolportagehafte Streiflichter aus der Goldgräberstadt Baku, obendrein durch eine souveräne Metaphernverwendung. Und dazwischen streut Roth aus dem Handgelenk immer wieder mal ein philosophisches Extempore.
Den ebenso umfangreichen zweiten Teil bilden Roths Berichte von seiner Russlandreise im Auftrag der "Frankfurter Zeitung" 1925/26. Auch hier begegnet man einem Joseph Roth, der seine fünf Sinne beisammen hat und genauer hinschaut, als es den Ideologiefesten von Rechts- und Linksaußen lieb sein kann. Gegen ideologische Scheuklappen feit ihn schon seine Ironie: "[Die Russen] taten uns den Gefallen und assimilierten sich an unser Klischee", bemerkt er anfangs. Dass er sich außerdem akribisch auf diese Reise vorbereitet und alles andere als blauäugig den Zug bestiegen hatte, merkt man schnell. Roth analysiert das "alte Russland" in aller gebotenen Kürze brillant, lässt sich aber höchstens in den ersten Tagen seines Aufenthaltes ein wenig blenden. Wie im ersten Teil dieses Bandes dominieren auch hier, im pièce de résistance des Bandes, lebhafte Schilderungen vom sowjetischen Alltag der 20er Jahre in den Metropolen und in der Provinz. Dass Roth die Russland-Reportage zunehmend lästig wird, lässt sich möglicherweise an den immer häufigeren ironischen Schilderungen erkennen. Er macht auch kein Hehl aus dem Grund für seinen zunehmenden Verdruss: Früher als viele andere Berichterstatter der Zeit erkennt Roth, dass der Privatmensch in der Sowjetunion nicht vorgesehen ist; "die ganze Welt ist ein ungeheurer Apparat". Ein furioser Rundumschlag sein "Wie sieht es in der russischen Straße aus?" (31.10.1926) -- "mitten in der Bewunderung [für alle Leistungen aus eigener Kraft] ergreift mich ein Heimweh nach unserem Leichtsinn und unserer Verwerflichkeit, eine Sehnsucht nach dem Aroma der Zivilisation [...]. Wahrscheinlich ist das ein bourgeoiser Atavismus."
Ergänzt wird dieser Teil durch glänzende, zeitlose Reiseberichte. Das archaische Leben am damals fischreichen Aralsee zum Beispiel, samt einem witzigen Intermezzo: Ein Platzregen fällt über das staubverwöhnte und staubgeplagte Astrachan her, und die vielen skurrilen Einzelszenen schildert Roth so, dass vor des Lesers Augen ein Slapstick-Film der Stummfilmzeit abläuft, mit der zentralasiatischen Steppe als Ort der Handlung.
Diese Reiseskizzen haben also mehr zu bieten als das ewige Klischee über die endlosen russischen Weiten, sondern übermitteln auch kluge Beobachtungen, die auch die Begeisterung vor allem der Jugend auf dem Lande nachvollziehen lässt. Roth kann gleichzeitig die Perspektive der Bevölkerung einnehmen und Distanz wahren, wenn er schreibt: "Alles hat 'die Partei' gemacht. Sie hat nicht nur die großen Herren gestürzt, sie hat auch das Telephon erfunden und das Alphabet. Sie hat den Menschen gelehrt, auf sein Volk stolz zu sein, auf seine Kleinheit, seine Armut. [...] Vor dem Ansturm so vieler Herrlichkeiten erliegt sein bäuerliches, instinktives Mißtrauen."
Den dritten, weitaus kürzeren dritten Teil bilden ergänzende Tagebuch-Auszüge und Roths "Nachwort zur geplanten Neuauflage
'Juden auf Wanderschaft' 1937"; erschienen ist die Neuauflage freilich erst nach dem Zweiten Weltkrieg.
Ein kommentiertes Sachregister oder Sacherklärungen, zusätzlich zu Westermanns informativem Nachwort, würden diesen Band freilich noch gelungener machen. Zum Verständnis vieler Details und Anspielungen ist ein wenig mehr Hintergrundwissen vonnöten, als es das durchschnittliche Schulwissen vermitteln kann. Dies gilt nicht nur für die Texte aus den frühen 20er Jahren und die Berichte vom polnisch-sowjetischen Krieg 1919/20; obendrein scheinen Roth hier manchmal Irrtümer unterlaufen zu sein (im damaligen Chaos wohl unvermeidbar).
Ebenso sollte man bei den Reisereportagen von 1925/26 im Hinterkopf behalten, dass diese Reise während der relativ liberalen Phase der Neuen Ökonomischen Politik (NEP) stattfand; ähnliches gilt auch für die Kultur- und Nationalitätenpolitik jener Zeit.
Nicht erläutert werden auch Textstellen, die möglicherweise auf russische Schriftstellerkollegen hinweisen, deren Namen Roth 1919/20 nicht eruieren konnte, die er aber erwähnt (wahrscheinlich liest man hier sogar eine Art Ergänzung zu
Isaak Babels "Reiterarmee"). Hinzu kommt Roths allgegenwärtige Belesenheit; er spielt ohne Vorwarnung auf Vergil und Puschkin an, setzt ohne Atem zu holen impressionistische Bildbeschreibungen obendrauf, kurz: Joseph Roth benutzt Zitate wie andere Schriftsteller Satzzeichen. Nicht, um zu imponieren, sondern aus Selbstverständlichkeit.
Für den Leser wären Erläuterungen daher sicher hilfreich und würden den Lesegenuss noch steigern.
Doch auch so liest sich "Reise nach Rußland" faszinierend -- als atemberaubender Zeitzeugenbericht eines begnadeten und umfassend gebildeten Stilisten mit viel Sinn fürs Detail, der dennoch den Überblick zu wahren weiß.