Dieser Bildband nimmt Sie mit auf eine faszinierende Reise rund um die Welt, wie man sie heute in der Form nicht mehr zu sehen bekommt, denn die Fotografien wurden vor mehr als 100 Jahren gemacht. Waldemar Abegg stammte aus einer begüterten Intellektuellenfamilie, der als passionierter Hobbyfotograf beim Einkauf seines Filmmaterials keine Kosten scheute, dementsprechend hoch ist die Bildqualität. Ein gutes Beispiel hierfür ist das Titelbild, dem nicht anzusehen ist, wie viele Jahre es auf dem Buckel hat. Der Anteil an Farbfotografien beträgt etwa die Hälfte, aber selbst die Schwarz-Weiß-Fotos sind gestochen scharf und stehen professionellen Aufnahmen in nichts nach. Genauso finden sich viele Panoramafotos, die im Querformat mehr als eine, oft sogar ganze zwei Seiten einnehmen.
Waldemars erster großer Aufenthalt bei seiner Weltreise war Nordamerika. Hier beeindrucken seine Aufnahmen aus New York mit den ersten Wolkenkratzern, Hochbahnen und Automobilen (einträchtig neben Pferdekutschen) genauso wie die damals noch ursprünglichen Naturgewalten der Niagarafälle, der Canyons und der Rocky Mountains. Seine Weiterreise führt Abegg über das vulkanische Hawaii-Archipel schließlich ins fernöstliche Japan. Die hohe Kultur der Japaner faszinierte ihn in ihrer Einfachheit und Ästhetik sosehr, dass er am liebsten dort geblieben wäre. So aber deckte er sich wie ein Verrückter mit Kunstgegenständen ein und verabschiedete sich schweren Herzens vier Monate später, nach dem traditionellen Kirschblütenfest. Weiter geht's durch das kriegsgebeutelte, bedrückende Korea, wo alle Einwohner weiße Trauerkleidung tragen, nach China. Seine zweiseitigen, atemberaubenden Panoramafotos von der Großen Mauer in schwarz-weiß lassen einen "die unendliche Weite" des Monumentalbauwerks tatsächlich erahnen. Für Shanghai, Hongkong, Singapur und Jakarta muss sich Abegg in letzter Minute tropentaugliche Anzüge schneidern lassen, so heiß und stickig ist es dort. Leider kann ihn die leichte Kleidung nicht vor Malaria schützen. Fieberschübe und ein Loch in der Reisekasse veranlassen den Weltenbummler seinen Indienaufenthalt stark einzuschränken, dennoch lässt er sich das traumhafte Tadj Mahal nicht entgehen. Nach einem kurzen Erholungsstopp auf Ceylon schifft Waldemar Abegg sich zum letzten Mal ein. Im Hafen von Genua geht seine 1,5-jährige Reise zu Ende.
So gewaltig die Fotografien auch sein mögen, erst die Reisebeschreibungen (Zusammenfassungen von Publizist Boris Martin und Original-Tagebuchauszüge von Waldemar Abegg) machen den Bildband zum eigentlichen Erlebnis und Abenteuer. Vor hundert Jahren waren die Begriffe Pauschalreise oder Gruppenreise noch Fremdwörter. Reisende mussten sich selbst, jeweils vor Ort, um das Organisatorische wie Übernachtungsmöglichkeiten, sprachlich bewanderte Reiseführer oder geeignete Transportmittel zur Weiterreise kümmern. Hierbei erwartete Weltenbummler Abegg so manche abenteuerliche, witzige und gefährliche Situation.
Das letzte Buchkapitel "Die Welt danach" gibt einen Überblick über Abeggs weiteres Leben. Obwohl er ein stolzes Alter von über 80 Jahren erreichte, stimmte mich die Chronik wehmütig, denn die beiden Weltkriege und die krisengebeutelte Zeit dazwischen waren harte Jahre für die Familie Abegg. Tja, leider kann man sich nicht ewig auf Reisen begeben, selbst die längste geht einmal zu Ende, dies musste ein Waldemar Abegg genauso feststellen wie unsereins nach 2 Wochen Mittelmeerurlaub.
Fazit: Nostalgische Bild-Weltreise der Superlative, die uns einen Einblick in eine Welt vor 100 Jahren verschafft, wie sie heute nicht mehr existiert. Eine klare Kaufempfehlung!