In der Nacht zum 27. August 1944 bombardierten 174 Avro Lancaster der Royal Air Force hauptsächlich den Osten der Stadt Königsberg. Da das Geschwader 950 Meilen entfernt von seinem Zielort gestartet war, konnte es nur eine relativ geringe Bombenlast mitführen. Es sollte jedoch zum Vorboten für weitaus schlimmere Zerstörungen werden. Denn drei Tage später, in der Nacht zum 3. August warfen 189 Lancaster der No. 5 Group 480 Tonnen auf das Zentrum der ostpreußischen Hauptstadt ab, das durch mit Phosphor gefüllte Stabbrandbomben und Sprengbomben fast vollständig in Schutt und Asche gelegt wurde. Zerstört wurden u. a. sämtliche historischen Gebäude, der Dom und zwölf weitere Kirchen, das Schloss, die alte und die neue Universität mit vielen Instituten und Kliniken, das kneiphöfsche Rathaus, das Opernhaus, die Staats- und Universitätsbibliothek sowie das Geburtshaus von Johann E. T. A. Hoffmann und das Haus in der Löbenichtschen Langgasse, in dem Heinrich von Kleist wohnte. Der Angriff forderte ca. 4000 Menschenleben. Die Zerstörung von 41% des städtischen Wohnraums machte etwa 200.000 Königsberger obdachlos. Keine acht Monate später musste der letzte Stadtkommandant, General Otto Lasch, nach einer dreitägigen Schlacht um die "Festung Königsberg" am 9. April 1945 vor der Roten Armee kapitulieren. Während der anschließenden sowjetischen Besatzungszeit sollte es noch zu weiteren, absichtlichen Zerstörungen der Bausubstanz kommen. Nachdem Ostpreußen unter der Sowjetunion und Polen aufgeteilt, und die mehr als 2,2 Millionen zählende, vertriebene deutsche Bevölkerung durch Neubürger aus der gesamten Sowjetunion ersetzt worden war, ließ der Parteichef der KpdSU, Leonid Iljitsch Breschnew, die Schlossruine 1968 sprengen und ihre Reste abtragen. Für mehr als zwei weitere Jahrzehnte sollte Kaliningrad und die "Kaliningradskaja oblast" für Besucher nahezu unzugänglich bleiben, bis im Zuge der Auflösung der UdSSR dort die Sonderwirtschaftszone Jantar eingerichtet wurde und sich die Grenze auch für westeuropäische Besucher wieder öffnete....
Der im März 2011 im Brandenburgisches Verlagshaus von Dr. Wulf D. Wagner veröffentlichte Band weist auf seinem Cover den Titel "Reise in die alte Heimat - Ostpreußen in 1000 Bildern" vor. Der dadurch erweckte Eindruck, dass dies nur ein Buch für Heimatvertriebene sein könnte, wird jedoch beim Öffnen des vorderen Umschlages relativiert, denn dort heißt es "Reise durch Königsberg und Ostpreußen". Gleich daneben befindet sich eine Karte der "Provinz Ostpreußen und des Freistaates Danzig" aus dem Jahre 1939, zu dem auch das im März von Litauen abgepresste Memelland gehört. Auch weist die Karte die NS-Umbenennungen von Orten wie Enerode vor, deren alte Namen, hier Stallupönen, in Klammer gesetzt wurden.
In seiner Einleitung geht der Autor und derzeitige Träger des von der Landsmannschaft Ostpreußen e. V. - für seine herausragenden Verdienste zur Erforschung der ostpreußische Baugeschichte - verliehenen Gierschke-Dornburg-Preises zunächst auf die Postkarten der "Sammlung Koschwitz" ein, die wesentlicher Bestandteil des Bandes ist. Einer "kleinen" Geschichte Ostpreußens, vom Hilferuf Konrad von Masowiens an den Deutschen Ritterorden bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges, folgt der zweiseitige und farbige Abdruck eines historischen "Pharus-Plans" der Stadt Königsberg. Die nun folgenden Kapitel sind zum größten Teil der Stadt Königsberg, dem Königsschloss und seiner Umgebung sowie einzelnen Stadtteilen und Vororten gewidmet. Danach gibt es einige Kapitel mit Postkarten anderer größerer Städte, der Kurischen Nehrung und der Rominter Heide im heutigen zur Russischen Föderation gehörenden Teil Ostpreußens (Seite 269 ff.). Nach ein paar Seiten zum Memelland, das heute wieder zu Litauen gehört, folgen drei Kapitel über den heute polnischen Teil (S. 365 ff.) des einstigen Herzogtums, die mit acht Seiten zur Marienburg ihren krönenden Abschluss finden.
Wie timediver® bei seiner Reise im Jahre 2006 vor Ort feststellen konnte, ist von denen im Buch abgebildeten einstigen Baudenkmälern in der "Kaliningradskaja oblast" leider nicht mehr viel übrig geblieben, was dem Besucher durchaus die Tränen in die Augen treiben kann. So steht auf dem einstigen Königsberger Schlossplatz mit einer 16stöckigen Bauruine, laut Gräfin Marion Dönhoff das hässlichste Gebäude Europas. Glücklicherweise blieben im heutigen Kaliningrad Dom, Börse, Dohnaturm, Königstor und Brandenburger Tor, Roßgärter Tor und Sackheimer Tor erhalten, bzw. wurden mit mit großem Aufwand wiederhergestellt oder restauriert. Wie bei seiner Reise zählt für timediver® die im heutigen Polen gelegene Marienburg auch zum absoluten Highlight des Bandes.
Es sind jedoch auch einige Kritikpunkte anzubringen. Leider lässt der Bildband eine Abbildung der 1907 in Tilsit errichteten "Luisen Brücke" über die Memel vermissen. Während die einzelnen Textabschnitte mit erläuternden Fußnoten und Quellenhinweisen, der Band mit einer Literaturauswahl (S. 397) abgeschlossen werden, gibt es weder ein Inhaltsverzeichnis, noch ein Register, was dem Leser die "Suche nach etwas Bestimmten" sicherlich erleichtert hätten. So ist man stets gezwungen, dafür einen Großteil des Bandes durchzublättern. Die ausschließlich verwendeten deutschen Ortsbezeichnungen sind sowohl bei einem Besuch der alten Heimat als auch für nicht in Ostpreußen geborene Kulturtouristen wenig hilfreich, da sie nicht mehr der Realität, vor allem den kyrillisch geschriebenen russischen Bezeichnungen entsprechen. Eine Zusammenführung der alten und neuen Bezeichnungen (z. B. in einem Ortsregister) wäre daher für eine weitere Auflage ebenfalls wünschenswert.
4 Amazonsterne für eine leicht verbesserungswürdige Reise in eine bauliche Vergangenheit.