Schon lange hat mich ein Roman nicht mehr so berührt, mitgerissen und mit den ungewöhnlichsten eigenen Gefühlen konfrontiert, wie dieser Liebesroman des 82-jährigen Kölner Verlegers Alfred Neven DuMont. Vielleicht hängt das auch daran, dass zentrale Topoi dieses Buches autobiographischen Charakter haben, deshalb ungewöhnlich viel Herzblut, Leidenschaft, Leiden, Glück und Trauer in seine Handlung und vor allen Dingen in seine wunderbare und erfrischende und poetische Sprache eingeflossen sind.
Es ist die Auseinandersetzung des alten Albert, ein großer Unternehmer im Ruhestand, der an einer zunehmend ihn behindernden Krankheit leidet (Parkinson?), mit seinem Leben. Vor allen Dingen mit dem Tod und der Liebe. Beides fokussiert er nicht etwa auf seine Frau Ann, die Erbin des großen väterlichen Unternehmens, in das Albert eingeheiratet hat, mit der er schon seit Jahrzehnten die Ehe führt. Nein, es ist die Trauer über seine vor zweieinhalb Jahren gestorbene Tochter Glorie, und seine Liebe und seine Beziehung zu ihr.
Nachdem sie schon in ihrer Jugend erste Züge einer (von ihm ?) geerbten Depression zeigt, wird Glories seelische Verfassung mit den Jahren immer brüchiger. Auch die enge Beziehung zu Christie, einem adoptierten Kind aus der Nachbarschaft, die seit ersten Kindertagen besteht, kann am Fortschritt der Krankheit Glories nichts ändern. Der endliche, mysteriöse Tauchunfall Glories während eines Aufenthaltes mit Christie auf den Cayman-Inseln stürzt Albert in große Verzweiflung. Seine Welt bricht zusammen und auch seine Ehe mit Ann steht auf wackeligen Beinen.
"Gleich werden ihn wieder die bohrenden Gedanken überfallen, wie Fledermäuse, so lautlos, mit untrügerischem Instinkt, ihr Ziel auf dem schnellsten Weg zu erreichen, mit mächtigen, weit ausholenden Schwingen, den winzigen Kopf mit aufgerissenen Augen nach vorne gestreckt, immer wieder derselbe stechende Schmerz: Warum ist sie
fort ?"
Auch Erwin, ein Psychoanalytiker im Ruhetand, der jahrelang erfolglos mit Glorie gearbeitet hat, kann ihm als Freund nicht weiterhelfen. Im Gegenteil, sein hartes und unsensibles Beharren auf Nietzsche und dem Tod Gottes wird Alberts Bedürfnis, in seinem Leid sich ähnlich wie Hiob mit Gott auseinander zu setzen, ihn anzuklagen und anzuflehen, nicht gerecht.
Tatsächlich sind die mehrfach in die Handlung eingebauten langen Gebete Alberts das intensivste religiöse Zeugnis, das ich seit langem in der modernen Literatur gelesen habe.
Eines Tages steht Christie, die nach dem Tod Glories als Ärztin nach Afrika geflüchtet war, im Rahmen eines kurzen Heimatbesuches vor Alberts Tür. Sie nimmt ihn kurzerhand mit aufs Land zu ihrer Mutter Lena, während Alberts Frau Ann ihrer sterbenden Schwester Mary in einer entfernten Stadt beisteht. Für beide beginnt unabhängig voneinander in der Auseinandersetzung mit dem Tod eine Bilanzierung des eigenen Lebens und der Versuch eines Neuanfangs trotz der nur kurzen noch verbleibenden Wegstrecke.
Albert erfährt von Christie im Haus auf dem Land die ganze Geschichte Glories, auch das Geheimnis ihres Todes wird gelüftet. Indem Albert der Geschichte Christies über mehrere Tage hinweg zuhört ( sie hat sie auf vielen Seiten aufgeschrieben), passiert mit ihm das Gleiche wie mit seinem Alter Ego Alfred beim Schreiben des Romans. Die über alles geliebten, früh verlorenen Kinder, hier die Tochter Glorie, dort der früh verstorbene Sohn, kehren zurück und die quälende Trauer kann erinnernd und erzählend Sprache und Raum bekommen, der einzig wirkliche heilende Umgang mit ihr, wie schon die jüdisch-christliche Tradition weiß, der sich wohl beide verbunden wissen.
Ob Lena, mit der Albert einige Tage in gelassener Verliebtheit verbringt, auch eine Figur aus der Lebensrealität des Autors ist, ist nebensächlich. Wichtig ist die Botschaft des Buches, dass es nie zu spät ist, der Trauer ihren Raum zu geben, dass Liebe wieder wachsen kann und das weitere Leben, auch wenn nicht mehr viel davon übrig ist, bereichert.
"Reise zu Lena" ist ein Roman, der den Leser gefangen nimmt mit seiner Thematik und seiner mächtigen und dabei doch so sensiblen und poetischen Sprache. Neben "Nikolski" von Nicolas Dickner ist "Reise zu Lena" das zweite, aus allen anderen Neuerscheinungen herausragende Buch, das Joachim Unseld in diesem Frühjahr für seinen Verlag an Land gezogen hat.