Frankfurter Rundschau, 16.11.2002
So ein Mensch war Heinrich von Maltzan, ein damals geschätzter und bekannter Orientalist, Abenteurer und Reiseschriftsteller. Was der Freiherr klug über die Geschichte, Kultur, die Bräuche, die Architektur, Fauna und Flora, sowie die sozialpolitischen Verhältnisse Sardiniens schrieb, ist - mit Abstrichen, gewiss - bis heute gültig und schlägt jeden modernen Reiseführer um Längen.
"Im Norden", schreibt Maltzan, "ist in den letzten Jahrzehnten das Nationalkostüm fast allgemein durch das gewöhnlich europäische verdrängt worden, das natürlich von der Dorfbevölkerung auf die ärmste und unschönste Weise getragen wird." Dieser von der heutigen Tourismuskritik heftigst beklagte Prozess ist also kein Phänomen der Gegenwart. Maltzans 476 eng beschrieben Seiten erzählen deswegen auch eine Kulturgeschichte des Reisens. rsh
Kurzbeschreibung
Über den Autor
Auszug aus Reise auf der Insel Sardinien. von Heinrich von Maltzan, Andreas Stieglitz. Copyright © 2002. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
O ihr naiven Touristen... ihr liebt mehr euer Rom oder Neapel und die anderen fünf oder sechs Städte, die im Baedeker als unvermeidlich beschrieben werden, ihr wollt lieber das zum tausend und ersten Mal sehen, was schon tausend Mal beschrieben worden ist, und solche Länder wie Sardinien liegen für euch außer der Welt. Und das ist vielleicht auch recht gut, denn es ist ein Glück, dass es noch interessante Gegenden in der Welt gibt, die noch nicht Mode geworden sind und noch nicht allwinterlich von so genannten Vergnügungszügen heimgesucht und von einem Schwarm der Touristen mit roten Büchern unterm Arm überlaufen werden. Drum bleibt nur in Rom, ihr lieben Touristen, und verderbt mir solche Länder wie Sardinien nicht.