Kurzbeschreibung
Sufis und Derwische sind islamische Mystiker auf der Reise zu Gott. Diese Suche nach Wissen und Erkenntnis muss kein spiritueller, innerer Weg sein. Bis heute führen viele Derwische - dem Ideal der Armut verpflichtet - ein freies, heimatloses Wanderleben. Für sie ist die Wanderschaft ein äußerer Weg der Heilssuche, der ihnen durch Betteln, Musizieren, Wahrsagerei oder magische Praktiken ein karges Überleben ermöglicht. Dieses Buch beschreibt die religiöse und politsche Bedeutung der Derwischbruderschaften in der Geschichte und Gegenwart des Islam, es schildert anschaulich Askesepraktiken und Ekstasetechniken der Derwische, ihren Umgang mit Sexualität und Geschlechterbeziehungen, ihren Alltag und ihre Feste.
Dr. Jürgen Wasim Frembgen ist seit 1987 Leiter der Orient-Abteilung am Staatlichen Museum für Völkerkunde in München. Zahlreiche Veröffentlichungen zum Volksislam, zur Religions- und Sozialethnologie, zur Kunst und Kulturgeschichte des islamischen Orients.
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"Mystiker und Heilige im islamischen Orient
Zum Erscheinungsbild der islamischen Volksfrömmigkeit gehört als wesentlicher Bestandteil die Heiligenverehrung. Heilige fungieren als Mittler zwischen den Menschen und dem allmächtigen und transzendenten Allah; sie sind gleichsam Brückenpfeiler zum Göttlichen. Aufgrund ihrer Nähe zu Gott sind sie mit Heil- und Segenskräften (baraka) begabt, die sie an die Menschen weitergeben. Bei der praktischen Ausübung ihrer Funktion als Heiler wenden sie vornehmlich die auf den Propheten Muhammad zurückgehende Tradition der Heilkunst (tibb an-nabz) an.
Die Heiligen und ihre Grabstätten sind mehr oder weniger eng mit dem Sufismus verbunden, denn häufig handelt es sich bei berühmten Heiligen um Mystiker, die zu Lebzeiten Bruderschaften gründeten. Vielfach werden aber auch einfache Derwische nach ihrem Tod als Heilige verehrt, denen der Volksglaube eher magische und in geringerem Maße charismatische Qualitäten zuschreibt. Zusammen mit Glaubenskäm pfern, Märtyrern und Frommen bilden sie die große Menge der oft nur lokal in einem begrenzten Stadtviertel oder Dorf verehrten 'kleinen' Heiligen, an die sich die Bevölkerung mit ihren alltäglichen Sorgen und Nöten wendet. Ein Ideal besteht darin, daß islamische Heilige - ob berühmt oder nur regional bekannt - ihre Herkunft auf den Propheten Muhammad zurückführen können. Tatsächlich kommen jedoch die meisten nicht aus der Prophetenfamilie.
Gottesfreunde und spirituelle Führer
Wer durch göttliche Gnade zum Heiligen erhoben wurde, gilt in islamischem Sinne als 'vollkommener Mensch' (insan al-kamil); in der Regel hat er schon im Diesseits ein eines Heiligen würdiges Leben geführt. Ihm sind Charisma und Segenskraft zu eigen, das Volk verehrt ihn als Wundertäter. Im Islam wird ein Heiliger mit dem arabischen Begriff wali (Pl. auliya) als jemand, 'der Gott nahe ist', als 'Gottesfreund' bezeichnet. Eine solche Heilsgestalt ist beispielsweise der Sufi-Lehrmeister, der Schüler auf ihrem spirit uellen Weg unterweist und selbst Oberhaupt einer Bruderschaft sein kann. Er trägt den religiösen Titel sheikh; im Mittleren Osten und in Südasien auch pir und in der Türkei dede. Der Begriff murshid beschreibt demgegenüber in allgemeinerem Sinne die Funktion eines Seelenführers. In Mittelasien werden Heilige und spirituelle Führer ishan genannt. In Nordafrika heißen sie arabisch murabit ('jemand, der an Gott gebunden oder gefesselt ist') oder salih ('der Tugendhafte'), in der Sprache der Berber ist der Ausdruck agurram (Pl. igurramen) gebräuchlich.
Über dem shelkh oder pir, der einen Konvent führt und dem ein bestimmtes Territorium zugewiesen ist, steht in der Hierarchie einer Derwischbruderschaft als höchste geistliche Instanz der qutb ('Pol'). Der Pol legitimiert seine Autorität damit, daß er sich in einer - häufig fiktiven - geistigen Ahnenreihe (silsila) über frühere Heilige auf die Familie des Propheten zurückführt. Das amtierende Oberhaupt einer Bruderschaft oder eines davon abg espaltenen Zweiges wird oft auch als sheikh al-sajjada bezeichnet, d.h. als derjenige Sufi-Meister, der auf dem von seinem Vorgänger ererbten Gebetsteppich sitzt. Dieser Teppich oder dieses Sitzfell symbolisiert gewissermaßen den Thron einer Bruderschaft. Gibt es in einer Stadt mehrere Konvente, so führt häufig ein sheikh al-masheikh ('Großscheich' oder 'Scheich der Scheiche') den Vorsitz, fungiert also in der 'Ordens'-Hierarchie als Mittler zwischen sheikh und qutb.
Die meist permanent an einem Schrein lebenden sheikh, pir. ishan usw. stellen geistliche Autoritäten dar, die Schüler in mystischen Lehren unterweisen, Literatur und Poesie schreiben oder religiöse Reformen propagieren. Demgegenüber sind die eher weltentsagenden Derwische sowohl Wanderer auf dem inneren spirituellen Weg als auch in der diesseitigen äußeren Welt, sie leben den Sufismus, indem sie mit Hilfe ekstatischer Praktiken die Nähe zu Gott suchen ..."