"Die Reise der Anna Odinzowa" führt in den äußersten Osten der Sowjetunion des Jahres 1947, auf die Tschuktschen-Halbinsel, wo Nomaden mit ihren Rentieren über die endlose polare Tundra ziehen. Anna Odinzowa ist eine junge russische Ethnografin und von dem Wunsch beseelt, das urtümliche Leben der Tschuktschen aus nächster Nähe zu erforschen. So heiratet sie einen Einheimischen und folgt seiner Familie in die menschenfeindliche Wildnis am Rande des Eismeeres...Juri Rytcheu schildert in eindringlichen Worten wie Anna sich in die archaischen Lebensformen einfügt und immer tiefer in die Geheimnisse ihrer über Jahrtausende bewahrten Sitten und Gebräuche eindringt. Der Leser zittert um die verschworene Gemeinschaft, als der lange Arm der Sowjetmacht nach diesen freiheitsliebenden Menschen greift und der Schatten der Zwangskollektivierung auf sie fällt. Die Schilderung des ungebundenen Lebens mit seinen Momenten der stillen Freude, des höchsten Glücks, aber auch der großen Tragödien machen einen Großteil der Faszination dieses Buches aus. Die übrigens authentische Geschichte von der Russin, die bereitwillig in die entbehrungsreiche Einöde zieht, vermag zu fesseln. Vielleicht hat Juri Rytcheu noch ein oder zwei bessere Romane geschrieben, doch auch dieses Buch legt man in der Gewißheit aus der Hand, Anteil an einer wahren, einer wahrhaftigen Geschichte gehabt zu haben.