"Reise in das alte Griechenland" von Christa Holtei, mit Illustrationen von Udo Kruse-Schulz, betrachtet Griechenland vor 2.000 Jahren, nimmt den kindlichen Leser an der Hand und lässt ihn die Gewohnheiten, Lebensumstände und die damaligen politischen Gegebenheiten im Tagesgang erleben und somit nicht nur trocken zu sich nehmen, sondern in sich aufnehmen.
"Hellas" stand für Griechenland, "oikos" bedeutete Familie, bezog gleichermaßen Kinder, Eltern, Großeltern, Sklaven, Haus, Haushalt und den Landbesitz mit ein, umfasste alles, das die Familie tagtäglich umgab. So fremd wie "oikos" klingen nicht alle griechischen Begriffe, ist zum Beispiel unsere Errungenschaft, die Demokratie, auf den griechischen Begriff "demos" (Volk, Gemeinde) zurückzuführen, und erinnert daran, dass Griechenland Europas Kultur und Lebensweise maßgeblich beeinflusst hat. Dass die Urform von Schule, "scholé", die Muße bedeutet, hinterlässt einen leicht bitteren Nachgeschmack in Anbetracht der Wege, die unsere Schule in Zeiten von Pisa und Überschuldung eingeschlagen hat. "Mousiké", die Musik, "athletes", der Athlet oder "Choregos", der Chorleiter; es ist klar, wo Europa seine Wurzeln hat. Aber nicht nur die Kunst der Sprache ist von den Griechen geprägt, sondern auch Schrift und Zahlen wie wir sie heute benutzen. Sie brachten Philosophen wie Platos, Aristoteles und Demokrit hervor, deren Gedanken verkrustete Strukturen aufgerissen und neue Formen der Auseinandersetzung geschaffen haben.
Die Emanzipation allerdings ist definitiv nicht in Griechenland geboren. Der weiblichen Bevölkerung gestand man nur wenige Freiheiten zu. Besonders betroffen die Frauen der gehobenen Schicht, die kaum aus ihren Frauengemächern herauskamen, für die Kinderbetreuung und Familienfeste zuständig waren, sich um die Toten oder religiöse Angelegenheiten kümmerten, während das öffentliche Leben vornehmlich unter Männern stattfand. In herrlichen, farbigen Illustrationen führt das Buch durch die griechische Kultur, die uns in vielerlei Hinsicht beeinflusst hat, auch wenn ihre launischen Götter mit unserem Gott wenig gemein hat.
Eine Woche lang lädt die griechische Familie Patroklous in ihren Alltag ein, vom Musikwettbewerb des Sohnes Timotheos über einen athletischen Wettkampf, betrachtet feine Vasenmalerei und den griechische Götterhimmel, wirft einen Blick in den Arbeitstag der Frau. Diese kurzen Einblicke in die Familie regen die Kinder an, tiefer in diese ferne Welt einzudringen und wecken ihre Neugier. Gekonnt wird geschichtlicher Hintergrund eingeflochten, der nicht zuletzt aufgrund der farbigen Illustrationen lebhaft und niemals trocken wirkt.
"Reise in das alte Griechenland" ist Geschichte für Kinder lebendig geschrieben, zeigt, wie man Theorie interessant gestalten kann!
(c) Michèle Kirner-Bernoulli von Literaturtipp.com