„Jeder Mensch ist ein Abgrund. Es schaudert einem, wenn man hinab sieht.“ Glaubt man Georg Büchners Worten, dann müssen Reinhard Karl sehr oft Schauer über den Rücken gelaufen sein. Denn der Blick nach unten bei seinen ungezählten Klettertouren, war nicht selten ein Blick in menschliche Abgründe, vor allem die eigenen.
Tom Dauer, dem Herausgeber des Buches „Reinhard Karl – Ein Leben ohne Wenn und Aber“ ist es zu verdanken, daß der Leser nun erneut über die von Karl beschrittenen Abgründe wandeln kann, ohne eigene Gefahr für Leib und Leben. Ein großes Wagnis, ein Abenteuer stellt dieses Buches dennoch dar: der Leser wird nach der Lektüre nicht mehr derselbe sein.
Der breiten Öffentlichkeit ist Karl, wenn überhaupt, bekannt als derjenige, der 1978 als erster Deutscher auf dem höchsten Punkt der Erde, auf dem Mount Everest gestanden hat. In Bergsteigerkreisen ist der charismatische Freikletterer, der 1982, im Alter von 35 Jahren, am Cho Oyu von einer Eislawine erschlagen wurde, bis heute ein Idol. Ein Weggefährte, einer der mit- und voranschreitet, wenn neue Generationen von Kletterern in die Welt der Berge einsteigen. Dabei geht es weniger um Karls alpine Erfolge, als vielmehr um seine poetischen Texte und Fotographien, die sich in Kopf und Herz einbrennen, und die zum Besten gehören, was die deutschsprachige Bergsteiger-Literatur hervorgebracht hat. Einer der Gründe hierfür dürfte in seinem Verlangen liegen, mehr zu sagen „als die Beschreibung von Bergen und wie ich sie bestiegen habe.“ Karl zieht den Leser unausweichlich mit hinein in seine Erlebnisse, sein Suchen, seine Ängste, seine Erfahrungen, seine Auseinandersetzungen mit einer Landschaft, in der er einen, seinen Weg zu sich selber suchte. „Wenn ich klettere, fühle ich immer noch am intensivsten, das ich bin. Die Berge scheinen unzählige Türen zu haben. Wenn man eine Tür öffnet, steht man vor unzähligen weiteren. Es ist unmöglich alle Türen zu öffnen. Doch hinter jeder Tür vermutet man etwas Neues. (...) Das, was ich suchte, war so unantastbar wie ein Regenbogen.“ Und einige Zeilen weiter, in seinem inzwischen legendären Essay „Unterwegs nach Hause“, schreibt er: „Je mehr man erlebt, desto mehr ist man. Man ist nicht mehr Wüstensand, der von jeder Emotion weggeblasen werden kann. Man ist ein Stein geworden, ein „Rolling Stone“. Der unaufhaltsam seine Bahn zieht und der fest daliegt, wenn er zur Ruhe gekommen ist.“
Nachdem Karls zu Lebzeiten veröffentlichtes Buch „Erlebnis Berg: Zeit zu Atmen“, sowie die beiden posthum erschienenen Bände „Yosemite – Klettern im senkrechten Paradies“ und „Berge auf Kodachrome“ seit Jahren bereits vergriffen sind, vereint das Buch „Ein Leben ohne Wenn und Aber“ erstmals verstreut publizierte und lange vergriffenen Originaltexte Reinhard Karls, sowie einen kleinen Teil seiner großartigen Fotographien. Es glänzt auch mit Texten, Erinnerungen und Stellungnahmen seiner Wegbegleiter und Seilpartner, sowie der biographischen Spurensuche Tom Dauers. Ergänzt wird dieses Porträt des Reinhard Karl durch eine Auswahl aus privaten Bildarchiven und durch eine CD, auf der u.a. original Tondokumente des Expeditionstagebuches aus dem Basislager des K2 zu hören sind.
„Es ist egal, welchen Berg man besteigt, oben wird man immer weiter sehen. Was man da oben sucht, ich weiß es nicht. Die Wahrheit ist so kompliziert, dass sie niemand versteht. Eigentlich ist der Berg nur ein nominelles Ziel. Was zählt sind die Stunden, Minuten, Sekunden, wie man sie verbringt.“ Was in Reinhard Karls Texten und Fotos pulsiert, was deren Magie und Anziehungskraft ausmacht, ist Karls Lebendigkeit, seine Direktheit, sein großer Hunger nach Leben und Abenteuer, nach Sinn. Das Fieber eines gelebten Lebens, das den Augenblick als den einzig wahren Gott feiert. Einen Gott, der sich Karl in der Landschaft „seiner“ Berge offenbarte: „Für einen Moment habe ich das Gefühl, wunschlos zu sein, ich glaube, man nennt das Glück.“