Reinhard Heydrich: Biographie eines ReichsprotektorsNach der Lektüre der Himmler-Biografie von Peter Longerich glaubt man bei der Lektüre dieser Heydrich-Biografie vertrauteres, ja in mancher Hinsicht sympathischeres Terrain zu betreten. Einer der Vornamen Heydrichs lautet Tristan, was die Tür öffnet zu dem musisch-bürgerlichen Milieu, dem Heydrich entstammt. Auch spricht seine Intelligenz und Klarsichtigkeit im Gegensatz zur verschwiemelten Geisteshaltung Himmlers zunächst für diesen jugendlich-alerten Aufsteiger. Aber dann kommt Heydrich mit der verbrecherischen Natur des Nazismus in Berührung, saugt sie voll als Lebenshaltung auf, und es erweist sich, dass seine Musikalität nur Dekoration ist und seine Intelligenz der Motal ermangelt. Und so wird aus einem bürgerlich erzogenen, in Offizierskreisen zunächst wohlgelittenen jungen Mann ein Massenmörder.
Deschner führt den Leser überzeugend und wohl belegt auf diesen Weg und erörtert ausführlich, wie Heydrichs Karriere von seinen Gaben gefördert wird. Sein Weltbild wird von der Feindschaft zur katholischen Kirche, insbesondere den Jesuiten geprägt, was ihn dazu bringt, seinen SD ebenso hierarchisch aufzuziehen - ein Wunder in der anarchistischen Diktatur des Hitlerstaates. Sein Verhältnis zum Judentum ist zunächst, man glaubt es kaum, durch Sympathie für den Zionismus gekennzeichnet, was es ihm ermöglichen würde, die so genannte "Judenfrage" durch Auswanderung zu lösen. Und seine Haltung gegenüber den von ihm beherrschten Tschechen ist im Gegensatz zum sudetendeutschen antitschechischen Frank durch eine Politik der Befriedung zum Zwecke der Eindeutschung bestimmt.
Seine Machtposition, die ihm diese Abweichungen von der grob-kriminellen Politik der weniger intelligenten und geschmeidigen Nazi-Bonzen ermöglicht, besteht in der schrittweise erlangten Beherrschung des Polizeiapparates und des Sicherheitsdienstes der SS. Seine organisatorische und zweckbestimmte Begabung hat ihm auf diese Position gelangen lassen. Mit disem Apparat schafft er eine der perfektesten Überwachungs- und Steuerungs-Strukturen, deren ein totalitärer Staat bedarf. Dabei ist ihm eine große Anzahl gleichartig begabter und motivierter, von ihm selbst ausgesuchter Untergebener zu Hilfe.
Einem interessanten Aspekt widmet Deschner in dieser Biografie viel Raum, nämlich der Genese und den Motiven der Ermordung Heydrichs und seinem Nachleben.