Die vorliegende Untersuchung ist eine naturalistische Kritik der Reinkarnationshypothese. Ausgangspunkt ist die Überzeugung, daß Gehirnzustände eine notwendige - und wahrscheinlich auch ausreichende - Bedingung für geistige Zustände sind, es keinen Grund für die Annahme eines von unserem Körper unabhängigen "Geistes" gibt, die Welt wertirrational und Moral immer menschlichen Ursprungs ist.
Edwards entwickelt zunächst die Voraussetzungen der karmischen Wiedergeburtseschatologie: (1) ein extremer Dualismus, der im Widerspruch zu allen zeitgenössischen Identitätstheorien wie auch neurologischen Forschungserträgen steht; (2) eine Gleichsetzung des moralischen Vergeltungsprinzips mit dem physikalischen Kausalitätsprinzip, die einander aber nicht implizieren; (3) die Voraussetzung einer wertrationalen Welt, deren anomische Aspekte - Leiden und Unrecht - mit dem "Karmagesetz" wegerklärt werden. Sodann entwickelt der Autor die inhärenten Widersprüche der Reinkarnationshypothese: (1) Sie ist in gewisser Weise "unterstrukturiert" und eröffnet ein modus operandi Problem: Wie und wo werden gute und böse Taten registriert, 'Belohnungen' und 'Strafen' verteilt? Wie kann ein nichtintelligentes unpersönliches Prinzip mit vollkommener Präzision Kräfte freisetzen, welche die erwünschte Wirkung zeitigen, auf physikalische Objekte einwirken und noch dazu genau angemessene Körper für die Egos der aufeinanderfolgenden Inkarnationen sicherstellen? (2) Die Karma-Lehre ist nicht präskriptiv, schreibt nichts vor und ist daher als moralisches Verhaltensprinzip völlig leer. Ob wir Menschen helfen oder aber nicht, wir tun in beiden Fällen das Richtige. Und sie ist kategorisch: Sie behauptet nicht, daß die Welt gerecht wäre, wenn wir bestimmte Dinge täten, sondern daß sie gerecht ist, und zwar unabhängig davon, was wir tun.
Edwards zerpflückt die bekannten Fallbeispiele und analysiert das Vorgehen bedeutender Reinkarnationsanhänger - Moody, Kübler-Ross, Stevenson, Monroe u.a. Er verweist auf vorsätzlich oder fahrlässig verfälschte Datensätze und Indoktrinationsmethoden seitens der Reinkarnationstheoretiker, auf die Empfänglichkeit von Menschen für die Suggestionen eines Hypnotiseurs, den kathartischen Effekt ausgelebter Emotionen bei der Reinkarnationstheraphie, die Kontextabhängigkeit von außerkörperlichen Erfahrungen und Reinkarnationserinnerungen, die prinzipielle Nichtüberprüfbarkeit metaphysischer Geltungsansprüche und den grundlegenden Unterschied zwischen physikalischer und spiritueller Energie. Läßt sich 'spirituelle Energie' in Formeln bringen? Gibt es, wie bei physikalischer Energie, Entropie und konstanten Verlust? Was beweist die ewige Fortdauer eines individuellen "Geistes"?
Entwickelt werden auch die Gegenargumente gegen die Reinkarnationshypothese, beispielsweise die Prozessualität der Person (Säuglinge haben keine erwachsenen Egos), das Problem des Zwischenzustandes zwischen den Leben, die Frage, ob es für alle Seelen gleiche Startbedingungen gegeben hat, das Problem der Überbevölkerung, die Tatsache der fehlenden Erinnerung etc. Auch einige Interferenzprobleme finden Erwähnung: Ein körperloser Gott kann nicht in die Welt eingreifen und hätte als vollkommenes Wesen auch kein Motiv dazu usw. Edwards verbleibt strikt im Rahmen einer naturalistischen Weltdeutung, ist sich aber der schicksalhaften Unverfügbarkeit unserer Daseinskontingenz bewußt: Die Welt ist grausam und ungerecht, aber wir machen sie nicht besser, sondern schlechter, wenn wir den Opfern die Schuld geben. (S. 46)
Dieses Buch ist hochinformativ, wirklichkeitsaufschließend, desillusionierend und gegen "Heilslehren" immunisierend. Das ernüchternde Aufgeschrecktwerden aus haltlosen metaphysischen Phantasien ist durchaus unangenehm, was die Negativ-Rezensionen hier ja belegen. Dennoch kann ich diese ausgezeichnet lesbare Arbeit gleichermaßen Fachleuten wie Laien und ganz besonders natürlich allen Anhängern der karmischen Wiedergeburtseschatologie wärmstens zur Lektüre empfehlen. Ergänzend und weiterführend: KELSEN, Hans: "Vergeltung und Kausalität : eine soziologische Untersuchung" (1941/1982) und TOPITSCH, Ernst: "Erkenntnis und Illusion : Grundstrukturen unserer Weltauffassung" (1988²)