Das Büchlein hatte mich interessiert, weil "Meister Joshu" als einer der bedeutendsten Zen-Meister angekündigt wurde, auch beeindruckte mich, dass jemand bis ins hohe Alter von 109 Jahren lehrend tätig war. Also müssten doch seine Zen-Geschichten und seine Koans von einem besonderen Geist durchdrungen sein. Wir kennen das Koan: "Was ist das Klatschen einer Hand" und Ähnliches hatte ich erwartet.
Doch die hier vorgestellten Aphorismen sind mir fast alle fremd, der Sprache nach und dem Geist nach: Z.B. fragte jemand Joshu: "Wie erlangt jemand den Zustand der Erleuchtung?" Joshu sagte: "Könntest du das bitte wiederholen?" (Ende der Geschichte) Wo soll hier der Witz sein? Wo das Rätsel, das den Schülern hilft, aus Samsara, den Kreislauf der bedingten Welt herauszubrechen? Vielleicht ist die alte japanische Sprache und das damit verbundene Denken so antik, dass sie nicht adäquat übersetzt werden kann? Vielleicht wurde schlecht übersetzt? Vielleicht ist Zen-Geist für mich, den geneigten Leser, nicht geeignet?
Oder jemand wollte wissen: "Wenn die Menschen fragen, was die Lehre Joshus sei, was soll ich da sagen?" Joshu antwortete: "Salz ist teuer, Reis billig". Vielleicht mag diese Antwort den Mönchen geholfen haben, für mich bleibt sie eine Banalität. Immerhin wird erkennbar und insofern verständlich, dass ein "Trick" bei Joshu ist, den Schüler auf sich selbst zurückzuwerfen. Jemand fragte: "Was ist Buddha?" und er erwiderte: "Bist du Buddha?" Wirkt das für den Leser der Schrift ebenso wie in der damaligen Situation? Ich glaube nicht. Ich wünschte, der Herausgeber dieser Sprüche hätte hier weniger als 333 Anekdoten versammelt, sondern nur diejenigen, die er selbst verstanden hat, bzw. die seinen Verstand überschreiten ließen, aber mit ein paar Hinweisen, wo denn jeweils der Witz sei. Aber immerhin begreife ich, wenn es am Schluss heißt, dass Joshu sagte: "Lebe deinen eigenen Weg. Traue meinen Worten nicht."