8 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Durchwachsen - authentische Dokumente und viel selbstgefälliges Geschwafel ..., 15. Februar 2008
Rezension bezieht sich auf: Reiki, Das Erbe des Dr. Usui (Taschenbuch)
... finden sich in diesem zweiten Buch von Frank Petter vereint. Nachdem das erste Buch des einige Jahre in Japan lebenden Autors, "Das Reiki Feuer" aus meiner Sicht wirklich noch einen aufklärerischen Zweck erfüllt hat, trifft das auf diese Veröffentlichung nur noch sehr bedingt zu.
Ich sage daher gleich vorweg, wie dieses Buch zu vier Sternen kommen konnte: Ich habe das erste und den Anfang des zweiten Kapitels in denen authentische Dokumente von Usui Sensei mit 5 Sternen bewertet, weil hier zum ersten mal deutschen Lesern eine Erklärung Usuis, warum er Reiki unterrichtet, ein Interview mit Usui Sensei von Anfang der 20er Jahre des 20. Jahrhunderts, sowie einige spirituelle Waka-Gedichte des von ihm verehrten Meiji-Kaisers in deutscher Übersetzung vorliegen, was dem Buch zu tatsächlichem Unique-Content verhilft, der leider in den meisten Reiki-Büchern nicht zu finden ist. Aus diesem Grund habe ich mich entschlossen, diesen ersten beiden Kapiteln des Buches mehr Gewicht zu geben, als den weiteren fünf Kapiteln und dem Nachwort, für die ich lediglich zwei Sterne geben würde, das sie ähnlich den Lübeck-Büchern voller Selbstbeweihräucherung sind. Aus dieser doppelten Wertung des ersten Teils und der nur einfachen des zweiten Teils ergeben sich genau vier Sterne.
In der Erklärung Usuis offenbart sich dieser als spiritueller und gesellschaftlicher Visionär, indem er z.B. sagte: "In Zeiten wie diesen basiert das Glück der Menschheit auf deren Zusammenarbeit und dem Wunsch nach gesellschaftlichem Fortschritt. Deshalb werde ich es niemals irgend jemandem erlauben, es (Reiki) für sich persönlich zu besitzen! Unsere Reiki Ryoho ist etwas absolut Originales und nicht mit irgendeinem anderen (spirituellen) Weg der Welt zu vergleichen. Deshalb möchte ich diese Methode für die Öffentlichkeit (frei) verfügbar dem Wohl der Menschheit dargeben. Ein jeder hat das Potential, vom Göttlichen beschenkt zu werden, was in dem Einswerden von Körper und Seele resultiert. Große Menschenmengen werden so (mit Reiki) den Segen des Göttlichen erfahren." Hier ist also nirgends die Rede davon, dass Reiki nur betuchteren Menschen verfügbar sein sollte, oder dass einzelne Menschen sich als angeblich von Usui eingesetzte "Großmeister" aufspielen dürften. Erfrischend direkte Worte aus den goldenen Zwanzigern.
Das Interview mit Usui Sensei fand laut Petter zwischen 1922 und Usuis Tod 1926 statt. Auch hier zeigt der Begründer der Usui Reiki Ryoho (also der Reiki Methode nach Usui) sich sehr bodenständig und bescheiden in seiner Beschreibung von Ursprung und Essenz von Reiki. Nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts zum Geistigen Heilen könnte diese Aussage Klarheit über die Natur von Reiki bringen: Frage: "Ist es (Reiki) dann eine Shinrei Ryoho (eine psychische, spirituelle Heilmethode)?" Antwort: "Richtig, man könnte es als Shinrei Ryoho bezeichnen." Damit ist aus meiner Sicht die Natur von Reiki als Form des Geistigen Heilens sogar vom Gründer der Methode selbst belegt.
Auch über die Hintergründe seiner Entdeckung von Reiki äußert Usui Sensei sich bescheiden: "Ich bin von niemandem in diesem Universum in diese Methode eingeweiht worden. Auch habe ich keinerlei Anstrengungen gemacht, um übernormale Heilkräfte (Siddhis) zu erlangen. Während ich fastete, berührte ich eine starke Energie, und auf mysteriöse Weise wurde ich inspiriert (erhielt ich die Reiki-Kraft). Wie durch Zufall wurde mir klar, daß mir die spirituelle Kunst des Heilens zugefallen war. Obwohl ich der Begründer dieser Methode bin, fällt es mir schwer, all dies genauer zu erklären." Das widerlegt in eindeutiger Klarheit alle in mehreren Büchern deutscher Reiki-Autoren vorgenommenen Versuche, Reiki auf die Anbetung eines japanischen Sonnen-Buddhas oder ähnlicher kultischer Bezüge zurück zu führen.
Laut Petters Aussage existieren 125 spirituelle Gedichte des Meiji Kaisers, die von Usui Sensei als Übungsmaterial für die Entwicklung seiner Schüler genutzt wurden, von denen hier immerhin 14 in deutscher Übertragung vorliegen. Dass der Autor ernsthaft schreibt, man könne sich fragen, "was diese Gedichte mit Reiki zu tun haben, aber da Dr. Usui
sie seinen Schülern gab, möchte ich sie Euch auch nicht vorenthalten", macht deutlich, wie wenig Verständnis auch er für die intuitive kreative östliche Art hat, Wissen auf - für den zielgerichteten westlichen Verstand so erscheinenden - Umwegen zu vermitteln. Eines (die Nr. 12, das den Titel "Geschwister" trägt) möchte ich hier zitieren, weil ich es für die friedliche Einigung der Reikiszene für wesentlich halte: "Manchmal rüttelt der Wind das Haus, aber Schwierigkeiten werden überwunden, wenn die Äste des Hauses harmonisch wachsen." Dieses Gedicht halte ich für eine Einladung, Reiki als Wurzeln, Usui als Stamm und seine vielfältigen Verbreitungen als Äste zu sehen, von denen jeder seine Zeit und zu dieser Zeit auch seine Berechtigung hatte.
Zu Beginn von Kapitel 2 schildert der Autor die tatsächlichen Verhältnisse die Nachfolge von Usui Sensei in Japan betreffend. Natürlich war die Behauptung Takatas, die japanischen Reikilehrer seien im 2. Weltkrieg allesamt getötet worden, eine glatte Lüge, wie sich an der hier veröffentlichten und bis heute ununterbrochenen Linie der Vorsitzenden der Usui Reiki Gakkai erkennen lässt, der Reiki-Organisation die Usui Sensei selbst gegründet hat. Nach Petters Informationen amtiert seit 1997 der 7. Präsident der Gakkai, Herr Kondo.
Das war es dann allerdings auch schon an freundlichen Worten, die ich zu diesem Buch finden kann. Im weiteren Verlauf offenbart der Autor, dem sein großer Bruder Raj in seinem Buch "Im Garten des Meisters" den Spitznamen "Artig" verpasst, sich als oberflächlich esoterisch belesener Opportunist, der sein Fähnchen immer genau in den Wind zu hängen versucht, den er aus den Hinterteilen sich von ihm abwendender Reikifreunde zu antizipieren glaubt. So windet Petter sich bereits zu Beginn und bezeichnet Usui Sensei wider besseren Wissens als "Dr. Usui", versteigt sich gar zu der Behauptung, "seinen japanischen Titel als Anrede zu benutzen, kommt mir außerhalb Japans unpassend vor", nur um Usui einige Seiten später im Kapitel über die Lebensregeln selbst wieder als Usui-Sensei zu bezeichnen.
Der Rest des zweiten Kapitels ist angefüllt mit halbgaren Pseudo-Informationen aus New-Age Computerprogrammen, z.B. eine "numerologische Analyse" des Namens von Usui Mikao, die angeblich auf Pythagoras aufbaut, sich aber an lateinischen Buchstaben orientieren soll, die es zu Pythagoras' Zeiten noch gar nicht gegeben hat!, ein angebliches "Horoskop" Usuis, das ohne die für jeden seriösen Astrologen wichtige Geburtszeit auskommt und dessen "Deutung" vor Allgemeinplätzen - z.B. "Mikao Usui war ein Mann, der von einem starken Wunsch getrieben war; er wollte der Menschheit behilflich sein" nur so strotzt uvm.
Richtig peinlich wird das Ganze dann ab Kapitel drei, wenn der Autor sich als jemand gebärdet, der mit populären Reikilehrern (William Rand) im Shinkanzen fahren darf, von einem deutschen Bestsellerautor (Walter Lübeck) angerufen wird, Brecht fälschlich ein wesentlich älteres, auf mittelalterliche Quellen des beginnenden 13. Jahrhunderts zurückgehende Zitat ("Die Gedanken sind frei") zuschreibt oder etwa Tonglen, das Herz des tibetischen Buddhismus, über das es z.B. von Pema Chödrön auch für Westler gut verständliche Anleitungen gibt, in christlich verquastem Duktus von falsch verstandener aber immer gut vermarktbarer "Nächstenliebe" verwurstet.
Den Gipfel Petterscher Anmaßung finden wir dann im abschließenden Abschnitt "Über den Autor", wo der Windpferd Verlag doch allen ernstes behauptet, "Anfang 1993 brachte er Reiki in sein Ursprungsland zurück", so als habe es die Reiki Gakkai und ihre über 80-jährige Geschichte in Japan nicht gegeben. Merkwürdig mutet ebenfalls an, dass Frank Petter beharrlich verschweigt, dass er durch seinen älteren Bruder Raj die Reikieinweihungen erhalten hat, nach dessen Aussage in den Büchern "Der Stein der Weisen" und "im Garten des Meisters" kostenfrei "innerhalb von vier Tagen" in "das gesamte Reiki-System" von Usui Sensei eingeweiht wurde und daraufhin anfing "in seiner fernen Heimat ein Schweinegeld mit diesem Geschenk zusammenzuraffen".
Fazit: Durchwachsene Mischung aus sehr wertvollen Originaldokumenten von Usui Sensei und beifallheischender Selbstgefälligkeit des Autors. Nur aufgrund des ersten und der Einleitung zum zweiten Kapitel vier Sterne für den hier veröffentlichten Unique Content.
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