Arthur Schnitzler, Autor der meisterhaften "Traumnovelle" (von Regisseur Stanley Kubrick mit dem damaligen Ehepaar Cruise/Kidman als "Eyes Wide Shut" verfilmt), sorgte mit seinem Stück "Reigen" in den 1920er Jahren für einen handfesten Skandal. Aufgrund offenherziger Dialoge und provokanter Situationen kam es bei den Aufführungen zu heftigen Tumulten, sodass sich Schnitzler 1921 gezwungen sah, sein eigenes Werk zu "verbieten". Es sollten sage und schreibe über 60 (!) Jahre vergehen, bis das Stück wieder auf der Bühne zu sehen war.
Episodenhaft schildert Schnitzler diverse Paarungen (was durchaus auf mehr als eine Art und Weise zu verstehen ist) innerhalb der Wiener Bevölerung. Durch die verschiedensten Schichten hindurch (vom Grafen bis zur Dirne), wird nun ein entlarvendes Episodengeflecht gesponnen, in dem die wirkliche und wahrhaftige Liebe nicht mehr als ein Trugbild zu sein scheint, dessen sich die Figuren bei ihren Seitensprüngen und deren Rechtfertigung großzügig bedienen.
Anstatt hier den großen Moralapostel herauszukehren, überlässt es Schnitzler jedem Einzelnen, sich sein Urteil über die Charaktere zu bilden. Bis man dies jedoch mit Bestimmtheit tun kann, erwarten einen ebenso amüsante wie frivole Passagen, wobei insbesondere der Mittelteil mit dem Ehemann und seiner vertrackten Doppelmoral zu gefallen weiss.
Der ANACONDA-Verlag hat dieses Juwel zum kleinen Preis veröffentlicht. Die Ausgabe ist gebunden und durchaus ansprechend aufgemacht. Das Cover wird von Otto Müllers "Liebespaar" geziert.
Fazit: Ein noch immer frischer, lebendiger "Reigen" voller spritziger Dialoge und Überraschungen. Prickelnd, unterhaltsam und verdammt hintersinnig. Dass die letzten Episoden ihren Vorgängern nicht ganz das Wasser reichen können, verzeiht man gern. Keine Frage: gut gealtert!
8,5/10 Punkten