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Mutmassungen
Eine neue Publikation zum Reichstagsbrand
Wie kaum ein anderer «Kriminalfall» in der deutschen Geschichte hat der Reichstagsbrand nach Kriegsende jahrzehntelang für heftige Kontroversen gesorgt. Zwei Lager standen und stehen sich noch immer so unversöhnlich wie eh und je gegenüber: Die einen halten den niederländischen Maurergesellen Marinus van der Lubbe für den Alleintäter, die anderen die Nationalsozialisten für die wahren Brandstifter. Nun ist, mit einer weiteren Veröffentlichung zu dieser offenbar unendlichen Geschichte, der Streit in eine neue Runde gegangen.
Die Fakten: Am 27. Februar 1933 brannte in Berlin der Reichstag, noch am Tatort konnte der junge holländische Rätekommunist Marinus van der Lubbe verhaftet werden. Für die Nazis, die seit einem Monat an der Macht waren, ein geeigneter Vorwand, den Brandanschlag ihren Gegnern in die Schuhe zu schieben. Sie behaupteten, dies sei das Signal für einen seit langem vorbereiteten kommunistischen Aufstand gewesen. Damit war der Startschuss für die folgende Verhaftungswelle gefallen, der nicht nur Tausende Kommunisten, sondern auch viele sozialdemokratische Funktionäre und unbequeme Intellektuelle zum Opfer fielen. Der daraufhin von den Nazis inszenierte Prozess am Reichsgericht Leipzig erwies sich für sie allerdings um im Bild zu bleiben als ein Schuss, der nach hinten losging. Die als «Drahtzieher» Angeklagten, wie der ehemalige KPD-Führer Ernst Torgler, der in der Brandnacht angeblich als Letzter das Parlamentsgebäude verlassen haben sollte, sowie drei bulgarische Kommunisten, mussten freigesprochen werden; allein Marinus van der Lubbe wurde verurteilt. Und zwar zum Tode, denn das Hitler-Kabinett hatte kurz zuvor das Gesetz über die Verhängung der Todesstrafe bei Brandstiftung verabschiedet («Lex van der Lubbe»), das vom Reichsgericht bei seinem Urteil rückwirkend angewendet wurde.
Wer war es?
Nach 1945 galten die Nationalsozialisten als die wahren Schuldigen. Aber 1959/60 veröffentlichte der im niedersächsischen Verfassungsschutz tätige Ministerialdirigent Fritz Tobias eine Serie im «Spiegel», in der er behauptete, der am 10. Januar 1934 hingerichtete Marinus van der Lubbe sei in Wirklichkeit der alleinige Täter gewesen. Vier Jahre später gab der damals noch junge Historiker Hans Mommsen dieser These in einem Aufsatz in den «Vierteljahresheften für Zeitgeschichte» seinen wissenschaftlichen Segen.
Dass van der Lubbe aus eigenem Antrieb und ohne Hintermänner gehandelt habe und die Nationalsozialisten lediglich die für sie günstige Gelegenheit ergriffen hätten, um ihre totale Diktatur zu errichten, galt danach als erwiesene Tatsache. Daran konnte in den siebziger Jahren auch das Luxemburger «Internationale Komitee zur Erforschung der Ursachen und Folgen des Zweiten Weltkriegs» nicht viel ändern, das wiederum die Nationalsozialisten zu den Urhebern des Brandes erklärte und von renommierten Politikern und Publizisten wie Willy Brandt, Eugen Kogon und Golo Mann unterstützt wurde. Was von der Arbeit dieses Komitees unter historiographischem Aspekt zu halten war, konnte man in einer vierteiligen Reihe der «Zeit» nachlesen. Unter der Überschrift «Es bleibt dabei: Die Nazis haben den Reichstag nicht angezündet» schrieb Karl-Heinz Janssen Mitte der achtziger Jahre, das Luxemburger Komitee habe «in fahrlässiger Weise gefälschte Dokumente und erfundene oder fragwürdige Zeugenaussagen in Umlauf gebracht, welche die Schuld der Nationalsozialisten am Reichstagsbrand belegen sollen». Vor Gericht hatte der Generalsekretär des Komitees, Edouard Calic, keinen Erfolg bei dem Versuch, die Vorwürfe zu widerlegen. Auch weigerten sich die «Luxemburger», ihre Quellen anderen Forschern zur Prüfung zu überlassen.
Der Historiker Alexander Bahar und der Psychologe und Physiker Wilfried Kugel behaupten nun in ihrer voluminösen Dokumentation, van der Lubbe komme als Alleintäter nicht in Frage, er sei allenfalls von den Nazis durch einen Spitzel in den Reichstag gelockt worden, damit er später als Sündenbock der Weltöffentlichkeit habe präsentiert werden können. Dieser Auffassung würde wohl wenig Beachtung geschenkt, wenn nicht Bahar und Kugel Zugang zu bis dato verschlossenen Dokumenten gehabt hätten. Einschlägige Akten der Gestapo, der Polizei, der Oberreichsanwaltschaft und des Reichsgerichts waren 1945 zunächst nach Moskau gebracht und 1982 an Ostberlin «zurück»gegeben worden. Dort lagerten sie im Archiv des Zentralkomitees der SED unter Verschluss; erst nach der «Wende» konnte das Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde die 207 Bände des sogenannten «Fonds 551» mit insgesamt 50 494 Seiten für die Forschung freigeben. Hier durften Bahar und Kugel mehrere Jahre lang recherchieren und meinen nun, hieb- und stichfeste Beweise für ihre These gefunden zu haben. Ihr Fazit: Die Nationalsozialisten benötigten nach ihrer Machtübernahme einen Vorwand, um ihre politischen Gegner auszuschalten und das angestrebte Terror-Regime mit «legalen» Mitteln zu installieren. Dafür inszenierten sie den Brandanschlag auf das deutsche Parlament.
Bei ihrer Argumentation haben sich die beiden Autoren grosse Mühe gegeben, doch einen schlüssigen Beweis für ihre These, der dieses Streitthema endlich für alle Zeit ad acta legen würde, konnten sie auch auf 863 Seiten nicht erbringen. So stolpert man über Ungereimtheiten, die der gesunde Menschenverstand nicht hinzunehmen bereit ist, die für die Autoren aber den Stellenwert des Beweises haben. Selbst eine so zwielichtige Gestalt wie der berühmte Illusionist Erik Jan Hanussen mit seinen vorgeblich hellseherischen Fähigkeiten muss für ihre Argumentation herhalten, obwohl die beiden Verfasser selber zugeben, Hanussens Äusserungen stammten «aus dem Dunstkreis der Pseudo-Wissenschaften». Oder es wird breit ausgeführt, dass Hermann Göring, in dem die Autoren den Auftraggeber für den Brand sehen, viel früher am Tatort erschienen sein soll als bisher angenommen. Aber warum hätte Göring dies tun sollen, da er, sollte die These von der Intrige zutreffen, doch wohl mit Sicherheit nicht in Verdacht geraten wollte?
Kein «Historikerstreit»
Auf der Anklagebank beim ersten Nürnberger Kriegsverbrecherprozess hatte Göring zwar zugegeben, dass die nach dem Reichstagsbrand einsetzenden Verhaftungen so oder so erfolgt wären schliesslich waren schon Tage zuvor die entsprechenden Listen fertig. Eine Beteiligung der Nazis am Brandanschlag selbst stritt Göring jedoch ab. Angesichts der anderen, ja nun weitaus gravierenderen Anschuldigungen gegen ihn hätte er mit einem Eingeständnis für eine vergleichsweise «banale» Brandstiftung nichts zu verlieren gehabt. Wenn die von der SED nicht veröffentlichten Dokumente die Schuld der Nazis wirklich beweisen würden, dann verwundert es doch, dass Ostberlin schliesslich hatte die marxistische Geschichtsschreibung selbstverständlich immer nur Hermann Göring als den eigentlichen Brandstifter erkannt daraus kein politisches Kapital geschlagen hat. Daraus, dass die DDR-Oberen dies unterliessen, schliessen Bahar und Kugel, das Material habe für eine (allerdings unbeweisbare) Erpressung der Beteiligten dienen sollen. Vielleicht ist die Wahrheit aber viel unspektakulärer: Die Akten hätten schlicht nichts wirklich Sensationelles hergegeben.
So skeptisch man dieser Veröffentlichung auch gegenüberstehen kann, eines wird niemand den beiden Verfassern absprechen wollen: Ihnen ist es gelungen, ihr Thema nicht nur auf geradezu spannende Weise zu präsentieren, sondern auch in einem bemerkenswert lesbaren Stil. Überdies fällt positiv ins Gewicht, dass sie in ihrer akribisch recherchierten Dokumentation den heute eher weniger bekannten Hintergründen viel Platz einräumen. Das macht das Buch auch weit über den Streitfall «Reichstagsbrand» hinaus zu einer lohnenswerten Lektüre.
Ist nun aber mit der Veröffentlichung dieses Buches tatsächlich, wie gelegentlich zu lesen war, ein neuer Historikerstreit entbrannt? Sicher nicht. Die Antwort auf die Frage, wer denn wirklich den Reichstag 1933 in Brand gesetzt hat, ändert wenig oder nichts an unserem Verständnis von der nationalsozialistischen Diktatur und an unserem Verhältnis zu ihr. Vorwürfe, die Anhänger der sogenannten «Alleintäter-These» würden die Nationalsozialisten auch von anderen Verbrechen reinwaschen wollen, erscheinen als unsinnig. Eine Gefahr liegt eher woanders. «Die zwanghafte Fixierung auf einen (zugegeben: spektakulären) Kriminalfall» habe, so resümierte Karl-Heinz Janssen in dem bereits erwähnten Beitrag, den Blick für die Hintergründe der Machtergreifung Hitlers verstellt: «Indem man Hitler und einige seiner Spiessgesellen dämonisierte, durften sich die konservativen Steigbügelhalter der Nazis, aber auch die mit Blindheit geschlagenen Kommunisten von ihrer Mitverantwortung für das Unheil der Jahre zwischen 1933 und 1945 entlastet fühlen.»
Holger Gumprecht
Die Landes- und Zentralbibliothek Berlin hat zum Thema «Reichstagsbrand» ein umfangreiches Internet-Archiv eingerichtet: www.zlb.de/projekte/kulturbox-archiv/brand
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12 von 15 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Zur Richtigstellung,
Von Friedrich Gruenberg (Heilbronn) - Alle meine Rezensionen ansehen
Rezension bezieht sich auf: Der Reichstagsbrand. Wie Geschichte gemacht wird (Gebundene Ausgabe)
Am 30. April 2001 nahmen Alexander Bahar und Wilfried Kugel wie folgt zu der Rezension ihres Buches in der "Neuen Zürcher Zeitung" (NZZ) Stellung. Aus diesem Schreiben veröffentlichte die NZZ nur die Passage, die sich mit der angeblichen Erpressung durch die "DDR-Oberen" auseinandersetzt. "Am 19./20. August 1995 publizierte die NZZ (S. 41) unseren Beitrag „Der Reichstagsbrand - „Ein Zeichen Gottes. Neue Hinweise auf eine selbst inszenierte Aktion der Nazis" und läutete damit die Diskussion der neu verfügbaren Akten zum Kriminalfall Reichstagsbrand ein. In diesem Beitrag berichteten wir unter anderem, dass der mit hohen SA-Führern befreundete „Hellseher" Hanussen nachweislich die Reichstagsbrandstiftung bereits (spätestens) am Abend vor dem Ereignis „vorausgesehen" hatte. In unserem neuen Buch (Der Reichstagsbrand. Wie Geschichte gemacht wird") konnten wir darüber hinaus nachweisen, dass Göring derart früh am brennenden Reichstag erschienen war, dass er vor Polizei und Feuerwehr von der Brandstiftung gewusst haben muss. Beides beweist, dass die geplante Brandstiftung vorher bekannt gewesen sein muss und dass die Täter in Nazi-Kreisen zu suchen sind. Herr Gumprecht allerdings verschweigt diesen Beweis den Lesern der NZZ. Er verfälscht und diffamiert unsere Forschungsergebnisse folgendermaßen: „Selbst eine so zwielichtige Gestalt wie [...] Hanussen muss für ihre Argumentation herhalten." Unterschlagen werden auch die gravierenden Indizienbeweise für die viel zu frühe Anwesenheit Görings im brennenden Reichstag. Hierzu heisst es nur dreist: „Warum hätte Göring dies tun sollen?" Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
10 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Unbedingt lesenswert! Das wichtigste Buch zum Thema!,
Von Ein Kunde
Rezension bezieht sich auf: Der Reichstagsbrand. Wie Geschichte gemacht wird (Gebundene Ausgabe)
Rezension Bahar/Kugel: Der Reichstagsbrand - Wie Geschichte gemacht wird. Die Autoren durchforsteten in akribischer Kleinarbeit jahrelang sämtliche Akten zum Thema "Reichstagsbrand", darunter viele bislang nicht zugängliche Archive in mehreren Ländern. Darüberhinaus werteten Sie erstmals sämtliche Gerichtsakten der Reichstagsbrand-Prozesse aus. Bei Ihrer sehr genauen und gewissenhaften Untersuchung kommen Sie schließlich glaubhaft zum Schluß, daß die Nationalsozialisten 1933 den Reichstagsbrand selbst iniziert haben. Sie führen einen fast lückenlosen Indizienbeweiß der Täterschaft der Nazis und widersprechen damit der leider noch immer weit verbreiteten These, der am Tatort festgenommene behinderte Holländer "van der Lubbe" sei der alleinige Täter gewesen. Darüberhinaus zeigen Sie auf, wie eine Seilschaft aus ehemaligen Gestapo-,SA- und SS-Tätern und sog. "Historikern" mit Hilfe des Magazins "Der Spiegel" nach 1945 versuchte, unabhängige Untersuchungen zum Reichstagsbrand zu diskreditieren und dafür die sogenannte "Alleintäter-These" erfand. Namhafte und unabhängige Historiker, welche nicht zu dem Schluß kamen, der Reichtagsbrand sei 1933 nur von einem Täter gelegt worden, wurden mit übelsten Methoden mundtot gemacht oder als unseriös dargestellt. Der "Spiegel" lieferte dafür bis heute bereitwillig eine Plattform. Die Autoren zeigen übrigens auf, wie nach 1945 einige ehemalige SA- und SS-Täter zu "Spiegel"-Mitarbeitern wurden und jahrelang dort tätig waren. Diesen "Journalisten" lag offenbar sehr daran, daß nach 1945 ja nicht die Wahrheit über den Reichstagsbrand, welcher unstrittig die Macht der Nazis in Deutschland festigte, ans Tageslicht kam. Um Ihre "Nachkriegskarrieren" nicht zu gefährden, war diesen "Spiegel"-Mitarbeitern jedes Mittel recht, sogar vor plumper Geschichtsfälschung schreckten sie nicht zurück. Bis heute hat der "Spiegel" sich noch nicht zu seiner eigenen "braunen" Vergangenheit geäußert, sondern verunglimpft weiterhin alle, welche gegen die "Alleintäter-These" glaubhafte Beweise und Argumete anführen, so auch die Autoren dieses Buches. Insgesamt ist das Buch "Der Reichstagsbrand" eines der wichtigsten Bücher zur jüngsten deutschen Vergangenheit, das ich in den letzten Jahren gelesen habe, welches sich eher wie ein Politkrimi liest, spannend und lehrreich für jeden, der sich kritisch mit deutscher Geschichte auseinandersetzen will. M.Gross
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9 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
3.0 von 5 Sternen
Die Geschichte des Reichstagsbrands wurde gemacht!,
Von Ein Kunde
Rezension bezieht sich auf: Der Reichstagsbrand. Wie Geschichte gemacht wird (Gebundene Ausgabe)
Die Publikation ist empfehlenswert, weil hier zum ersten Mal die mysteriösen Umstände, unter denen im Jahr 1959 die "Alleintäterthese" in die Geschichtsschreibung der Bundesrepublik installiert wurde, in Buchform aufgedeckt werden. Tagespolitisch betroffen sind davon in erster Linie der SPIEGEL und das Institut für Zeitgeschichte, die bis heute an der Darstellung des Alleintäters festhalten. Die 50.000 Blatt Prozeß- und Ermittlungsakten, die der Öffentlichkeit erst seit 1993 zugänglich sind, enthalten zudem viele weitere Details, die im Prozeß und in der Presse nicht auftauchten. Bahar und Kugel haben einige davon aufgespürt. Die Schwäche des Werks ist die Konstruktion des Tathergangs, die hier recherchierte Geschichte ist zu spekulativ formuliert. Dennoch geraten die Vertreter der Alleintäterthese mit diesem Werk unter Druck. Auf die letztendliche Wahrheit im Reichstagsbrand muß man aber weiter warten!
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