Hermann Graml hat über Jahrzehnte die bundesdeutsche Zeitgeschichtsschreibung entscheidend geprägt. Als langjähriger Mitarbeiter am Münchener Institut für Zeitgeschichte und Chefredakteur der Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte hat er maßgebliche Beiträge zur Erforschung des "Dritten Reiches" geleistet. Als Mitglied des inneren Kreises um Martin Broszat war er Vertreter einer strukturanalytischen Deutung des Hitler-Regimes. Diese geschichtswissenschaftliche "Schule" hat bereits in den 1960er Jahren den Maßstab für eine wissenschaftliche, präzise und differenzierte, in Diktion und Tonalität eher politologisch geprägte Erforschung des Nationalsozialismus gesetzt. Dabei wurden bereits sozial- und wirtschaftshistorische, mentalitäts- und kulturgeschichtliche Parameter zur Beschreibung der Hitler-Diktatur in bis heute kaum mehr erreichter Art und Weise genutzt.
So auch in Gramls 1988 erstmalig veröffentlichter Monographie zu Antisemitismus und Judenverfolgung im Dritten Reich. Trotz ihres überschaubaren Umfangs vermittelt Gramls Arbeit einen umfassenden Überblick über die Rasse- und Vernichtungspolitik zwischen 1933 und 1945: Graml beschreibt die kulturellen und mentalen Grundlagen des modernen deutschen Antisemitismus gründlich und kenntnisreich; er schildert die innen- und außenpolitischen Steigerungsformen des Rassenwahns und vermittelt die Grundlinien von Hitlers Vernichtungskrieg bis zu seinem unvermeidbaren und verheerenden Ende. Den kompakten Band beschließt ein hilfreicher bibliographischer Überblick über den Stand der Forschung.
"Reichskristallnacht" zeichnet sich wie alle Arbeiten Gramls durch Nüchternheit und Sachlichkeit, durch Präzision und Klarheit aus. Gegenüber Beschönigungen oder metaphysischen Geschichtskonstrukten ist Graml völlig resistent und so bleibt sein Text - neben den Arbeiten Hilbergs oder Friedländers - einer der einschlägigen Schlüssel zum Verständnis des staatsterroristischen Antisemitismus zwischen 1933 und 1945.