Dieser Loest - Leipzig ließ und lässt ihn nicht los. Nach "Völkerschlachtdenkmal" und "Nicolaikirche" hier also "Reichsgericht".
Loest ist ein Leipzig-Kenner par excellence und ein veritable Schriftsteller. Kommt hinzu, dass der Autor aus Mittweida stammt und den Weg nach Leipzig zurückgefunden hat. Das Reichsgericht in Leipzig ist und war ihm deshalb auch geschichtlich sehr vertraut, hier hat er diese ehrwürdige und auch fragwürdige Institution sozusagen zur "Hauptperson" seines Romans gemacht.
1869 erbaut, in den Jahren der braunen Diktatur zu unrühmlicher Berühmtheit gelangt, hat diese Rechtsinstitution nicht nur deutsche Geschichte begleitet, sondern mitgeschrieben. Seit 2002 beherbergt das Gebäude das Bundesverwaltungsgericht. Für den Autor Loest ein Ort, um den sich reale Geschichte und erfundene Geschichten ranken. Und dies vor der Kulisse einer fantastischen, lebendigen Stadt.
Reale Geschichte - das waren die aufregenden Prozesse um das Attentat auf den Außenminister Walther Rathenau 1922, der Prozess gegen Carl von Ossietzky und später das Verfahren in Zusammenhang mit dem Reichstagsbrand gegen Georgi Dimitroff und den Holländer Marianus van der Lubbe. Mit großer Liebe zum Detail rekonstruiert Erich Loest das Geschehen. Doch dieser ohnehin umfangreiche Stoff reicht ihm nicht. Also weiter auf der Suche nach den Wahrheiten.
Dr. Hellker, Historiker und einer der Protagonisten in diesem Roman, geht zu mitternächtlicher Stunde ins Internet und trifft hier auf ein Archiv, das der Isländer Yatoo hostet. Der öffnet ihm die Tür zu einem Chatroom. In dem Hellker sowohl Ossietzky als auch van der Lubbe trifft. So nutzt Loest/Hellker moderne Kommunikations- und Informationsmöglichkeiten, um Fragen nach dem Wie, Warum und "Was wäre gewesen, wenn?" zu stellen; auch wenn es keine wirklichen Antworten gibt.
"Reichsgericht" ist eine komplexer Roman, manchmal gar zu voll gepackt mit Wissen, "Verhandelt" jedenfalls wird das Geschehen aus heutiger Sicht. Es spiegelt neuere deutsch-deutsche Geschichte ebenso wie das turbulente Millenium-Silvester 2000 wider. Zu alldem versucht eine neunzigjährige Witwe eines früheren Reichsgerichtsrats aus eigenem Erleben das eine und andere beizutragen.
So ist ein großes, nicht immer stimmiges und übersichtliches Mosaik entstanden. Und nicht alles gelingt in diesem Buch. Am Schluss bleibt der Leser etwas ratlos zurück. Und dennoch ein spannender historischer Roman - mehr nicht.