Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen. Und wer er dann zurückkommt, geht er meistens zu einem Nachbarn, der sich in der Zwischenzeit um die Blumen gekümmert hat oder die Post für einen verwahrt hat. Und dann kann er erzählen.
Anna Maria Giusti war für fünf Tage nach Palermo verreist. Endlich wieder daheim, will sie sich bei Costanza Alatavilla ihre Post abholen. Sie hat einen Schlüssel. Als die betagte Dame die Tür nicht öffnet und auch nicht ans Telefon geht, öffnet Anna Maria Giusti die Wohnung ' den Schlüssel besitzt sie ja, denn auch sie übernimmt die nachbarschaftlichen Pflichten, wenn Costanza Altavilla verreist ist. Doch Anna Maria Giusti sieht mehr als ihr lieb ist: Costanza Altavilla ist tot, liegt leblos in ihrer eigenen Wohnung inmitten einer Blutlache.
Commissario Brunetti speist derweil mit Patta, dem Vice-Questore Venedigs und enervierenden Chef. Da kommt der Anruf aus dem Revier, dass eine Leiche gefunden wurde gerade recht ' zumindest für Brunetti. Fast schon ein wenig fassungslos von den Kollegen ob der Beharrlichkeit wird Brunetti den Gedanken nicht, dass es sich hier um ein Verbrechen handelt. Seine Kollegen gehen von Herzstillstand aus ' so steht es auch auf dem Totenschein. Nur Signorina Elettra steht auf Brunettis Seite (wer sonst?!). Verschiedene Verletzungen machen auch die umtriebige Assistentin von Patta stutzig. Herzversagen oder Herzattacke: Ja! Aber wie wurde die herbeigeführt? Schließlich wies die Tote ein gewisses Alter auf.
Brunetti bohrt in seiner eigenen, unaufdringlichen Art nach. Und die Beharrlichkeit und Geduld zahlen sich aus: Brunetti kommt Zwischentönen auf die Spur, die nur schwer justiziabel sind'
Donna Leons Kreation Guido Brunetti erinnert in Zügen an James Joyce' Leopold Bloom. Der Commissario streift durch die Stadt nach der einen Antwort: Wie wurde die Herzattacke herbeigeführt, die Costanza (er nennt sie liebevoll beim Vornamen, das Leben kostete? Fündig scheint Brunetti bei jedem Interview zu werden. Nur ergeben die Antworten noch kein rechtes, befriedigendes Gesamtbild. Wieter undweiter dringt Brunetti in die Tiefen der menschlichen Seele und der Gier vor. Aber auch in die der Liebe.
Zum zwanzigsten Mal lässt die Wahl-Venezianerin Donna Leon uns am (Berufs-)Leben ihre Commissarios teilhaben. Anders als in den vorangegangenen Romanen tragen Paola, Chiara und Raffi weniger zur Aufklärung bei. Vielmehr scheint es so als ob die fast schon aufgezwungenen Leseexzesse der Vorgänger nun fruchten. Brunetti ist reifer geworden. Ein Heißsporn war er nie. Doch die Gewitztheit und der kluge Kopf seiner Frau Paola führten ihn regelmäßig auf die richtige Spur. Dieses Mal ist Brunetti allein. Eine Erkenntnis: Er kann es auch allein. Doch das wussten die Leser schon seit Anbeginn der Brunetti-Zeitrechnung. All die kleinen Helferlein waren Ablenkung.