Die ersten Romane des in Schleswig geborenen, seit Jahren in Berlin lebenden Autors, spielten im Ruhrgebiet. Die zwölf miteinander verwobenen Erzählungen im Buch "Rehe am Meer", sind mit einer Ausnahme, im Berliner Umfeld angesiedelt. Es sind Kurzgeschichten klassischen Zuschnitts. Die Figuren, die im Zentrum dieser Geschichten stehen, sind ganz normale Leute, die in der Regel in die unterschiedlichsten Schicksalssituationen hineingeraten und diese mit Tapferkeit bewältigen und so wieder aus ihrem Schicksal herauskommen. Die alltäglichen Katastrophen sind eigentlich in den meisten Fällen schon vor der erzählten Zeit da.
Die Figuren treten einen Moment aus ihrem Schicksal heraus. Und obwohl die meisten Geschichten aus der Ich-Perspektive wechselnder Personen erzählt werden, ist sofort ein Ton da, der dicht ist, der eine Atmosphäre schafft in die der Leser hineingezogen wird. Jede Geschichte hat einen anderen beeindruckenden Tonfall, denn dieser wird von den jeweiligen Figuren, deren Schicksal der Autor aufzeigen will, mitgebracht.
In allen Geschichten stecken Trost, Güte und enormes Einfühlungsvermögen. Und diese Feingefühl was der Autor für diese Mystik des Alltags zeigt, ist ein Realismus der durch die Dialoge lebt, die im Ton immer anders sind. Rothmann versteht es ganz großartig aus der Perspektive eines Mädchens, genau so wie aus der von Handwerkern, Tierpflegern, Maurern und anderen zu erzählen, weil er die ihnen eigene und eindringliche Sprache aus seiner Lebenserfahrung kennt. Er lässt seine Figuren reden, wie ihnen das Mundwerk gewachsen ist. Das alles ist hoch realistisch rübergebracht, denn all diese Erzählungen aus den unterschiedlichsten Arbeitswelten, Berufen und Milieubetrachtungen, sind von der Atmosphäre, und von den beschriebenen Welten, sehr genau.
Ralf Rothmann wäre keine starker Erzähler, würde er uns nicht bei jeder seiner Figuren Rätsel aufgeben. Diese Rätsel spürt man, sie sind mit der Sprache identisch. Es sind überwiegend Texte, die vom Leser großes Einfühlungsvermögen verlangen. Das ist eigentlich die besondere Qualität dieser zwölf Geschichten.
Es geht immer um Trennungen, Tode, Abschiede, Sterben, Liebe, angedeuteten Eros. Und wenn die Geschichten kippen, dann entsteht eine eigentümliche Transzendenz und eine profane Erleuchtung. Am Rande der Erzählung kommen häufig Tiere vor, Spatzen, Schweine, Wildschweine, Rehe, Hunde, Kühe, Krähen, Lamas, Ratten, Pferde, usw., usw. Tiere, obwohl sie uns im täglichen Leben immer begleiten, sind so eine Art Hieroglyphen, die wir nicht mehr lesen können. In einer der Geschichten wird auch thematisiert, dass die Tiere eine Art Seele verkörpern, ein Versprechen mit sich selbst identisch zu sein, etwas was Leben sein könnte, was die Menschen oft verfehlen und was sie gewollt oder ungewollt kaputt machen. Tiere bestimmen unseren Alltag, deshalb sind die auch nicht Besonderes, doch Ralf Rothmann versteht es einen wunderbaren Fächer zu spannen. Es gibt dieses Spektrum von dem unglaublich poetischen Caspar David Friedrichhaften Gemälde mit den "Rehen am Meer" bis zu diesem Kanaleffekt mit den Ratten in den Berliner Hinterhöfen.
Spannend und aufregend ist die Art wie Ralf Rothmann die Menschen in diesem wunderbaren Buch darstellt. Ob beim Zirkushelfer, beim arbeitslosen Alkoholiker, beim Polterabend mit ostdeutschen Bauarbeitern, bei den Sorgen der Zwölfjährigen für ihre Familie, bei der Zugfahrt Richtung Glücksburg, - Menschensympathie nimmt bei diesem Autor immer einen großen Stellenwert ein. Und ein Satz aus der dritten Geschichte "Stolz des Ostens", könnte eigentlich für alle Geschichten stehen: "Nehmen Sie dieses Wenige für Mehr".
Ein wunderbares Buch, atmosphärisch dicht geschrieben, von solcher Sogkraft, dass man es nicht wieder aus der Hand legen möchte. Keine Seite möchte ich missen. Ich empfehle dieses Buch mit Nachdruck und Leidenschaft aus vielen Gründen.