Ein großer Vorzug des Buches ist es, dass es den Niger wirklich von der Quelle bis zum Mündung beschreibt, das tun die wenigsten Werke über diesen Fluss. Es ist "flott" geschrieben und liest sich gut und leicht. Es verherrlicht Afrika nicht, sondern nennt auch dreckig, was dreckig ist, und Kakerlaken und Müllberge begleiten den Leser realistischerweise durch jede Stadtbeschreibung.
Obert reist nicht als "Tourist" (wer möchte das heutzutage auch sein?), sondern als "Reisender", der den Menschen so nahe wie möglich sein will. Daraus macht er schon fast einen Kult: die schmuddeligsten Hotels sind ihm gerade schlecht genug, Messer und Gabel lehnt er ab und isst mit der Hand wie seine Gastgeber und als er schwerkrank in Bamako ankommt, geht er - natürlich - nicht in eine saubere und zuverlässige Privatklinik, sondern in das weniger saubere und zuverlässige städtische Krankenhaus. Dieser Kult des scheinbaren Sich-Anpassens geht dem Leser zuweilen auf die Nerven.
Wohin führt die Reise?: In die Innenwelt des Nigerbeckens, in die Welt der Flussgötter, Fetischeure und Maskenpriester, der Elfen und Flussfrauen. Und so begegnet dem Leser alle fünf Seiten ein neuer Kult, ein neuer Gott, ein neuer Ritus und das auf fast 600 Seiten! Dieses Tempo gleicht der Schneidetechnik in einem Actionfilm aus Hollywood - und ist doch sehr unafrikanisch. Gleichzeitig hat man spätestens nach der Hälfte des Buches das Gefühl, man kenne das alles schon, weil sich immer dasselbe unter anderem Namen zu wiederholen scheint. Mag man auch in der Innenwelt ankommen (wenn man sich denn darauf einlassen will), von der Außenwelt erfährt man nur wenig, über soziale Konflikte, über Städte wie Bamako, Timbuktu oder Niamey, über das Alltagsleben der Flussanwohner und ihre täglichen Sorgen und Freuden. Also für spirituell angehauchte Hobbyethnologen vielleicht ein interessantes Buch, für denjenigen, der sich mit den heutigen sozialen Realitäten in Westafrika auseinandersetzen will: dürftig und mager.
Noch zwei kritische Anmerkungen: zunächst verwundert, mit welcher Leichtigkeit dem Autor selbst die geheimsten Riten weitergegeben werden. Er braucht nur durch ein Stadtviertel schlendern, gleich wird er auf einen Topf Fufu eingeladen, er braucht nur in den Topf zu langen, gleich werden ihm die größten Geheimnisse der Alten mitgeliefert. In eine Geheimgesellschaft aufgenommen zu werden? Kein Problem - wenn man einmal auf der Reise ins "Innere" ist...?
Komischerweise ist die ganze Reise eine Reise unter Männern. Frauen kommen - bis auf eine traditionelle Priesterin - nur als diejenigen vor, die Gemüse oder ihren Körper verkaufen, oder als diejenigen, die die trotz aller Innerlichkeit noch benötigten Speisen zubereiten und servieren. Schade eigentlich, vielleicht hätten sie auch etwas Lesenswertes zu berichten gehabt.