Kurzbeschreibung
Das unauffällige, stets im Hintergrund verbleibende Ich in Kuhns Erzählungen berichtet von verschiedenen schillernden Persönlichkeiten aus seinem Freundes- und Bekanntenkreis, die ihm nahe stehen oder einst standen, und seine Beziehung zu ihnen. Der Stil des Erzählers ist journalistisch prägnant und packend in seiner Authentizität, dabei aber durchaus auch von poetischen Anklängen durchdrungen, die seinen besonderen Reiz ausmachen. So dreht sich eine Erzählung um den einst so charmanten, lebendigen und fantasievollen Schriftsteller Bryan, der, an Multipler Sklerose erkrankt, seinen schleichenden körperlichen und seelischen Verfall miterleben muss, und dennoch, oder gerade deswegen als Siechender glücklicher ist als je zuvor. Dreh- und Angelpunkt einer anderen Geschichte ist der in rasantem Tempo lebende Draufgänger HC (Hans Christ), der ein exzessives Leben auf der Überholspur führte und jetzt, alt geworden, verarmt, alkoholabhängig und vereinsamt nur noch ein klägliches Abbild seiner selbst ist. Eine weitere Erzählung wiederum handelt von der kongenialen Freundschaft zweier obsessiver Maler in New York, die sich gemeinsam in Brooklyn Boxkämpfe anschauen, saufen, und sich gegenseitig inspirieren. In der Titelgeschichte Regen im 5/4-Takt wendet sich der aus Bayern ausgewanderte Hirsl in einem Brief an seinen Freund F., in dem er ihm in dramatischer Form sein Leben in und Erleben von New York schildert, das so ganz anders ist als "unsere kleine feine bayerische Stadt", eine Gemeinschaft gescheiterter Existenzen, die sich die Zeit im Treppenhaus vertreiben. In Ton und Form, aber auch in der Gestaltung der lebendigen, authentischen Dialoge und der skurril-faszinierenden Figuren erinnern Kuhns Erzählungen an amerikanische Erzähler wie Steinbeck und, vor allem in Regen im 5/4-Takt, an den Dramatiker O'Neill. Die Texte leben nicht nur von ihrem so flüssig-narrativen amerikanischen Stil, sondern auch von ihren anschaulich gestalteten eigenwilligen Protagonisten, die in ihrer Gesamtheit alle Höhen und Tiefen, Schönheit und Hässlichkeit, Glück und Trauer, Extreme und Exzesse dieses Lebens veranschaulichen und so eine packende "Geschichte des Lebens" darstellen. Berührend und bedeutsam ist nicht zuletzt der existenzielle Grund aller Geschichten, die in New York, Paris und anderen Weltstädten spielen. Kuhn gelingt es auf angenehm unpathetische und unaufgeregte, einfühlsame und kluge Art und Weise die Sinnfrage nach Sein und Zeit, Leben und Tod zu stellen. Der eigentliche Clou der Prosasammlung aber sind die unterirdischen Verbindungen zwischen den einzelnen Geschichten - so tauchen verschiedene Figuren in mehreren Geschichten auf, sind mal Hauptfiguren und mal nur Randfiguren. Der Autor selbst schreibt dazu: "Je weiter man den Figuren folgt, desto klarer wird: etwas setzt sich in ihnen fort. Der (die) Erzähler nimmt (nehmen) eine Erkenntnis, eine Betrachtung, eine Redewendung, eine Figur aus der vorangegangenen Geschichte in die nächste mit hinein." In diesem Sinne ist Regen im 5/4-Takt keine reine Sammlung von Kurzgeschichten, sondern ein Reigen im Sinne Arthur Schnitzlers und in seiner Summe ein dicht vernetztes, umfassendes Prosakonglomerat, das sich um das Phänomen "Freundschaft" in allen seinen Facetten, Arten und Abarten, dreht.
Der Autor über sein Buch
Helmut Kuhn wurde 1962 in München geboren, lebte lange Zeit in New York und schrieb Artikel für die Süddeutsche Zeitung, die Zeit und die Neue Zürcher Zeitung. Heute wohnt er in Berlin und arbeitet als freier Journalist. 2002 erschien bei Marebuch sein hoch gelobter Debütroman Nordstern, in dem er die Geschichte seines Vaters - jener stach im Jahre 1977 mit der Segelyacht Nordstern IV als Chartergast in See und ist seitdem vermisst, ein Kriminal-Fall, der bis heute nicht aufgeklärt worden ist - in Form einer fiktionalisierten Vater-Sohn-Geschichte erzählte.