Mein Vater war es, der mir das Buch empfohlen hat und mich gebeten hat, ihm nach dem Durchlesen meine Meinung dazu zu schildern. Zunächst nicht ganz überzeugt von dem Unternehmen, bin ich nun froh, ihm den Gefallen getan zu haben und freue mich, das gut zu lesende Büchlein gelesen zu haben.
Zwar kennt man die 10 Gebote, versucht sich daran zu halten, die meisten haben aber einen konkreten Bezug der 10 Gebote zum eigenen Leben nicht herstellen können. "Du sollst nicht töten" sollte dem Durchschnittsbürger, der nicht gerade zum Kategorie Axtmörder gehört, nicht allzu schwer fallen. Wie aber verhält es sich dem Autofahrer, der sich nach einer Feier trotz Alkoholkonsums ans Steuer setzt. Er geht das Risiko ein, jemanden zu töten. Hat er nun schon gegen das Gebot verstossen; und ist er sich dessen überhaupt bewusst? Solche alltagbezogene Auslegungen (dieses Beispiel ist ein eigenes und nicht aus dem Buch genommen) machen es jedoch schwieriger zu behaupten, nicht gegen das 5. Gebot zu verstossen, gehört doch angetrunkenes Autofahren in vielen Kreisen zum Bereich Kavaliersdelikte.
Gerade in dem Lebensabschnitt, in dem ich mich gerade befinde, relativ neu im Beruf und ebenso frisch verheiratet, befindet man sich im Aufbau des eigenen beruflichen wie privaten Lebens. Da es gut läuft, strebt man nach mehr und möchte die Punkte, die man sich gesetzt hat, Heirat, Beförderung, "Nestbau", Gehaltserhöhung, Kinder etc., einen nach dem anderen "abhaken". Dabei das Wesentliche aus den Augen zu verlieren, passiert schnell und vor allem vielen. Da ist es gut einmal darüber zu reflektionieren, was denn tatsächlich wichtig ist im eigenen Leben, auch in jungen Jahren eine Zwischenbilanz zu ziehen und dankbar zu sein für das, was man hat, sowie abzuwägen, was es noch zu erreichen lohnt.
Dank der Erziehung, die ich geniessen durfte, habe ich in dem Buch von Abtprimas Notker Wolf, zwar wenig Neues erfahren, das Lesen des ausserordentlich gut geschriebenen Büchleins tat aber gut. So hatte ich an vielen Stellen das Gefühl, dass mir aus der Seele gesprochen wurde, habe ich doch die Orientierungs- und Wertelosigkeit vieler Gleichaltriger tagtäglich vor Augen.
Schade ist, dass das Buch denjenigen am meisten Nutzen bringen würde, die es freiwillig wohl kaum lesen werden. Ich würde das Buch auf jeden Fall als Lektüre für den Religions- oder Ethikunterricht an Schulen empfehlen.
Aber auch denjenigen Lesern, die an leicht aber intelligent formulierten Denkanstössen für das eigene Leben interessiert sind, ist das Buch zu empfehlen. Besonders gut gefallen hat mir, dass jedes Gebot aus seinem Sinn und seiner Geschichte heraus erklärt wird, eine konfessions- und religionsübergreifende Erläuterung enthält und zudem der aktuelle Alltagsbezug hergestellt wird. So findet keine tieftheologische Auseinandersetzung statt, sondern vielmehr ist das Buch an den gläubigen Nicht-Theologen gerichtet.