Albrecht Müllers Buch "Die Reformlüge" schwimmt von Anfang bis Ende gegen den Strom. Er hat es als Antwort auf die Publikationen von M. Miegel, H.-W. Sinn, Hans-Olaf Henkel und vielen anderen geschrieben, die dem Land radikale Reformen verordnen.
Müller bemerkt zu Recht, dass dabei oft hinter einer scheinbar differenzierten Analyse primitive Thesen stecken ("Wir können uns den Sozialstaat nicht mehr leisten." - "Steuern runter macht Deutschland munter." - "Die Globalisierung stellt uns vor völlig neue Herausforderungen."), die von den tatsächlichen und selbsternannten "politisch Gebildeten" unkritisch wiederholt werden. Schon das ist angetan, viele aus dieser Klasse zu provozieren, doch Müller weist nach, dass diese Statements meist eine dünne oder gar keine faktuelle Grundlage haben. Im Gegensatz zu einigen meiner Vorgänger halte ich Müller dafür auch durchaus für qualifiziert: Er ist ausgebildeter Nationalökonom und hat die Bundeskanzler Brandt und Schmidt (sowie Bundeswirtschaftsminister Karl Schiller) vor allem in ökonomischen Fragen beraten. Zahlreiche Reform-Bestsellerautoren haben weniger vorzuweisen.
Eines seiner Hauptargumente im Teil I ("Unter dem Deckmantel der Reform - Hintergründe und Ziele.") ist der Vergleich der durch die Reformbewegung so in Verruf geratenen 1970er unter Bundeskanzler Schmidt mit den beiden nachfolgenden Jahrzehnten unter Kohl. Während in den 1970er Jahren die Wirtschaft um 118,6% wuchs, waren es in den 1980ern nur noch 65,7% und in den 1990ern 33,7%. Trotz einer schwierigen weltwirtschaftlichen Situation (Ölpreisexplosion!) die im Jahre 1975 einen Konjunktureinbruch von 1,3% verursachte, gelang es mit Hilfe der verschrienen Konjunkturprogramme der Regierung Schmidt, auf hohe Wachstumsraten zurückzukommen und die Arbeitslosigkeit bis 1980 zu senken (!), etwas wovon man seither nicht viel gehört hat. Von 1980 bis 2000 ist die Arbeitslosigkeit von 3,8% auf 10,7% gestiegen, und dies, obwohl die angebotsökonomischen Thesen der Reformkoalition auch schon durchaus in der Kohlschen Politik umgesetzt wurden (Entlastungen für Reiche und Unternehmen, usw.). Auch "Hans Eichels neoliberale Versuche" wertet der Autor mit gutem Grund als "erfolglos".
Für Müller sind die Anhänger angebotsökonomischer Reformen ind Deutschland "erfolglos in der Sache, federführend in der Debatte". Dies wertet er als "strategische Meisterleistung".
Seinem einleitenden Teil I, der seine Grundlinie skizziert, folgend, versucht er hinter die Kulissen der populären Thesen zu blicken. Teil II, der Hauptteil des Buches, enthält die 40 Denkfehler, von denen im Untertitel die Rede ist. Da trifft man auf Meinhard Miegel, der sehr eng mit der deutschen Versicherungsindustrie verbunden ist (vgl. Fußnote 14) und daher offenbar nicht bemerkt, auf wie wackligem Boden seine Argumentationen zum Ende des Generationenvertrags und zu der privaten Versicherung als einziger Rettung stehen, auf Hans-Werner Sinn vom ifo-Institut, dessen Thesen über die mangelnde Wettbewerbsfähigkeit des deutschen Wirtschaftssystems im Widerspruch zu den Zahlen stehen und der die Ergebnisse seines eigenen Instituts zu den 1970er Jahren ignoriert. Man trifft auf Edmund Stoiber, der mit irreführenden/falschen Daten über die Arbeitsplatzverlagerung aus Deutschland operiert, auf Politiker, denen beim Blick auf Lohnnebenkosten, Schuldenstand u.ä. nicht einmal der Anflug eines Gedankens an die Kosten der Wiedervereinigung kommt - und viele mehr. Müller belegt überzeugend, dass vieles, was uns bei Christiansen, Illner & Co immer wieder entgegenrauscht, schlichtweg Unsinn ist. Es handelt sich hier auch um einen Beitrag dazu, bestimmte Lösungen für unsere Probleme nicht mehr zu tabuisieren.
Die Form, 40 einzelne Denkfehler zu 5 Themenfeldern ("Neue Herausforderungen", "Demographie", "Wachstum, Wettbewerbsfähigkeit und Beschäftigung", "Löhne und Arbeitsmarkt", "Schulden, Staatsquote und Sozialstaat") zu behandeln, hat aber auch ihre Nachteile. Sie produziert einige Wiederholungen, im ganzen ist Teil II jedoch nicht eintönig.
Teil III - "Die Reformpleite - Helfer und Helfershelfer" stellt die Frage nach dem Warum: Warum hat der Reformvirus in Politik, Wirtschaft und Teilen der Bevölkerung so viele Gehirne infiziert? Müller analysiert das Zusammenspiel einer Koalition von pro-Radikalreform-Initiativen, einem Versagen der kritischen Intelligenz und einem Versagen der Parteien.
Sein im letzten Kapitel ("Was wäre, wenn...?") geträumter Traum von einer differenzierten Debatte und einer wirtschaftlich rationalen Politik wird, fürchte ich, wohl ein Traum bleiben. Denn alle diejenigen, die sein Buch mit den Dogmen der "Koalition der Willigen" fest im Hinterkopf verankert lesen, werden wohl seine These bestätigen, dass sich modische Bewegungen selten durch Zahlen beeindrucken lassen. Stattdessen werden sie wahrscheinlich zu den in den Medien transportierten Gewissheiten von Meinhard Miegel, Peter Glotz, Edmund Stoiber & Co zurückkehren und sich freuen, dass sie wieder auf der Insel ihrer vorgefassten Meinungen ausruhen können.
Allen allerdings, die auch die andere Seite hören wollen, kann man dieses Buch mit seinem gut begründeten Gegenstandpunkt zu den "Reformern" empfehlen.