Reflexhaft oder reflektiert?
Wie modernisiert sich die Moderne?
Wer öffentliche Aufmerksamkeit will, darf das Plakat nicht scheuen. Ulrich Beck plakatiert Grossbegriffe: «Globalisierung», «Individualisierung», «Reflexivität», «Risiko». In ihnen sieht der Münchner Soziologe die bestimmenden Merkmale der Gegenwart. Zugleich erklärt er sie zu «Herausforderungen». Das ist eigentlich eine abgedroschene Phrase, die, nähme man sie ernst, eher an Boxsport als an Zeitdiagnostik denken liesse. Aber in Ulrich Becks elanvoll-sportiver Problemaufbereitung ist der Vergleich vielleicht sogar am Platz: Wie der Champion im Ring vor seinem Herausforderer steht der Bürger vor der Aufgabe, sich mit Gegenwartstendenzen herumschlagen zu müssen. Becks Analyse will ihm die Augen öffnen und zeigen, wo der Gegner steht. «Soziologie sollte niemals harmlos sein», heisst es an einer Stelle, an der sich Beck zum «avantgardistischen Anspruch» seiner Überlegungen «im Wettstreit der Modernisierungstheorien» bekennt.
Augen auf!
1994 debattierte Ulrich Beck mit seinen englischen Kollegen Anthony Giddens und Scott Lash über «reflexive Modernisierung». Heraus kam eine theoretisch anspruchsvolle Sammlung von Aufsätzen, die den Triebkräften nachgingen, welche die Moderne geformt haben und weiterhin verwandeln Traditionsabbau, Wissensvermehrung, funktionale Differenzierung. Bereits in dem damals erschienenen Buch fiel der Ausdruck «zweite Moderne», doch dass damit nichts Geringeres als ein neuer Epochenbegriff ins Spiel gebracht war, findet erst jetzt Beachtung, wo der Suhrkamp-Verlag eine mehrbändige «Edition Zweite Moderne» mit Ulrich Beck als Autor und Herausgeber startet.
Gegen Becks Hang zum Plakatwort und eine gewisse Überinstrumentierung seiner Texte ist wenig einzuwenden, insofern der aufgereizten Rhetorik eine dramatische Lage korrespondiert. Die Diagnose der «Risikogesellschaft» vor zehn Jahren hatte Gewicht nicht nur als soziologische Deskription, sondern weil sie eine wissenschaftliche Fundierung ökologischer Besorgnisse lieferte. Ähnlich ruft nun die Begriffsschöpfung einer «Zweiten Moderne»: Augen auf! Es zählt zu Becks Verdiensten, dass er als erster den Blick auf das grosse Ganze wagte, genauer: dass er ihn wieder wagte, nachdem er zuletzt in den Zeitalter-Diagnostiken von Freyer, Gehlen und Jaspers gewagt worden war und dann für lange erloschen schien.
Warum also sollte der Soziologe nicht heute unseren Eintritt in eine «Zweite Moderne» verkünden, wenn dieser Begriff geeignet ist, beides zu erfassen: die Kontinuität innerhalb der Moderne und ebenso den epochalen Bruch? Beck nennt Beispiele für das, was bleibt die Wertschätzung des Einzelnen und seiner politischen Freiheiten; der antidogmatische Zwang zur Begründung , und Beispiele für Änderungen, für Zäsuren, die von der «ersten» eine «zweite» Moderne scheiden: die durch Globalisierung erzeugte Ortlosigkeit von Kapital, Arbeit und Heimat; die ökologische Krise; das Ende der Industriegesellschaft. Die Probleme der Zweiten Moderne sind solcher «zweiter Ordnung», sie sind nicht frischen Ursprungs, sondern «Nebenfolgen der Nebenfolgen» von Projekten der Ersten Moderne, also unter der Hand entstanden, als Beiprodukte jedoch ursprünglich gewünschter Prozesse. «Siegkrisen» heisst sie Ulrich Beck, und Anthony Giddens spricht analog von «hergestellter Unsicherheit», um die auf Menschenwerk zurückgehenden Risiken von natürlichen Bedrohungen zu unterscheiden.
Missverständnisse
Problematischer als Becks Epochenverkündergestus sind die Missverständnisse, zu denen seine oft nur scheinbar populäre Begrifflichkeit verführt. Sogar sein Co-Autor Scott Lash verwechselte Becks «reflexive Modernisierung» mit Giddens' Rede von «institutioneller» bzw. «sozialer Reflexivität». Giddens meint damit, dass der Einzelne heute, da er nicht mehr von Traditionen geleitet wird, ständig vor Entscheidungssituationen steht: er muss zwischen Alternativen wählen, und dies zwingt ihn, sich zu informieren und Informationen zu filtern. Beck hingegen betont gerade nicht den reflektierten Charakter von Modernisierungsprozessen, sondern ihr Reflexhaftes, Unkontrolliertes, wie es exemplarisch in «Nebenfolgen» zutage tritt.
Ähnlich steht es mit der vielzitierten «Individualisierung». Die «mobilen, engagierten, optimistischen, zukunftsfähigen und von religiösen Traditionen unbeschwerten Kinder der Freiheit», die Christian Geyer unlängst in der «FAZ» als komische Figuren verhöhnte, haben bei Beck tragische Züge: sie hängen an den institutionellen Fäden eines funktionstüchtigen Rechts- und Sozialstaats. Wo dieser zerbröckelt und die «Armutsfalle» droht, wird aus der risikoreichen und anstrengenden «Bastelbiographie» schnell die «katastrophale Existenz» in «fabrizierter Barbarei».
Joachim Güntner